KONZERT: Ohne Leiden geht es nicht

Christiane Rösinger stellt ihr Album «Lieder ohne Leiden» im Palace vor. Eine originelle Art der Kapitalismuskritik.

Marc Peschke
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Christiane Rösingers Lieder sind vieles, doch ohne Leiden sind sie nicht. Dennoch oder gerade deshalb hat die Berlinerin ihr neues Album «Lieder ohne Leiden» genannt. Es ist ein kleines Comeback: Vor sechs Jahren ist ihr letztes Werk «Songs Of L. And Hate» erschienen. Dazwischen zwei ­Bücher: «Liebe wird oft überbewertet» und «Berlin–Baku». Das zweite Soloalbum behandelt das alte Rösinger-Thema, dem sie schon mit den Lassie Singers und ihrer zweiten Band Britta auf unnachahmliche Art und Weise auf der Spur war: die Liebe und das Leiden. Denn das eine geht nicht ohne das andere.

Musikalisch aufgefrischt durch die recht üppige Produktion von Andreas Spechtl (Ja Panik) ist das Album ein melancholisches Meisterstück. Stücke wie «Kleines Lied zum Anfang» oder «Eigentumswohnung» haben einen op­timistischen musikalischen Grundton, zitieren luftigen Sixties-Pop, auch wenn sie von gruseligen Vorkommnissen in Berlin berichten. Die Gentrifizierung in der deutschen Hauptstadt (Rösinger lebt seit 1984 in Berlin) wird hier auf herrlich lakonische Art beschrieben. Das Leben im Prekariat, aber auch philosophische Betrachtungen finden wir auf dem Werk: «Dass auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken lässt», so eine Zeile aus «Das gewölbte Tor» – die Vertonung eines Briefes von Heinrich von Kleist.

Warum sie schreibt, wie sie schreibt

Beides macht Sinn auf diesem Album, das Konkrete und das Abstrakte. «Es ist auch eine Platte, in der es so ein bisschen um das Liederschreiben geht», sagte Rösinger in einem Interview. «Und dass ein Songwriter oder der Künstler an sich zu leiden habe, weil er sonst nichts fertigbringt.» Warum schreibt Rösinger, wie sie schreibt, fragt sie sich selbst: «Warum kann ich nicht einfach was schreiben über einen Garten im Sommer, Schmetterlinge? Andere Musiker schreiben ja auch Lieder, die nichts bedeuten, die über irgendwas gehen? Warum kann es denn nicht so gehen? Die Antwort ist: Es geht nicht.»

Was aber geht, sind Lieder wie «Joy of Ageing» über das ­Älterwerden. Rösingers schöne Einsicht ist, dass es gar nicht so schlimm sei, wie alle ständig tun. Es passiert eben, das Schlimme daran wird überbewertet – und man muss sich damit abfinden. Abfinden, so Rösinger, müssen sich auch die weissen Männer in der Politik: Ihre Zeit ist abgelaufen, singt sie: «Manche Dinge, die versteht ihr nie. Diversity und Gendertheorie. Andere nehmen eure Plätze ein. Sie werden nicht so weiss und männlich sein.»

Marc Peschke

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

So, 9.4., 20.30 Uhr, Palace St. Gallen