KONZERT: Musikalische Bruderliebe

Ein packendes Heimspiel mit amerikanischer Musik boten Benjamin und Tobias Engeli im voll besetzten Kreuzlinger Dreispitz.

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Begeisterung beim Publikum vorgestern im Dreispitz: 23 Jahre ist es her, dass Benjamin und Tobias Engeli bei der Kreuzlinger Gesellschaft für Musik und Literatur zusammen musizierten. Da waren sie noch Teenager. Dem Pianisten und dem Dirigenten jetzt als reifen Künstlerpersönlichkeiten wiederzubegegnen gab dem Abend eine besondere Note.

Uneingeschränkte Bestnoten möchte man für ihre Interpretation des viel zu selten gespielten Klavierkonzerts von George Gershwin geben. Tobias Engeli – das bewies er schon bei der feurigen Ouvertüre zu «Candide» von Leonard Bernstein – ist ein Diri–gent, der sein Orchester unmittelbar und ganz direkt mitreissen und zu grosser Emotionalität anstacheln kann.

Frei, fast ein wenig unbändig sind seine enthusiastischen Gesten, und dabei deutlich und strukturiert. Das gibt seinen Interpretationen etwas Taufrisches und Unbedingtes. Wunderbar bereitete er mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz den Boden für den Pianisten Benjamin Engeli.

Erzählendes und lyrisch eingefärbtes Klavierspiel

Der spielt seine Emotionalität eher reflektiert aus, gibt der Blues-Melancholie eine plastische, transparente Note. Der richtige Zugang zu Gershwin, will man ihn als Komponisten zeigen, der sich im Klavierkonzert klassisch klar auslebt. Benjamin Engelis einnehmendes, spannend erzählendes Klavierspiel strahlt lyrische, farblich warme Virtuosität aus. Souverän, wie er im Adagio des zweiten Satzes den Blues subtil keck aufheitert; und stringent, wie er und der dirigierende Bruder hier die melancholischen Steigerungen aufbauen.

Packend auch das Finale, bei dem Benjamin Engeli mit einer manchmal an Prokofjew erinnernden Toccata-Technik begeistert, wobei die virtuosen Effekte bei ihm stets durchdacht und nie ohne poetische Patina sind. In Kreuzlingen gab es nicht wenige Konzertbesucher, die sich nach den Konstanzer Auftritten die Engeli-Brüder ein zweites Mal anhörten. Nach diesem packenden, im konzentrierten Dialog zwischen Solist und Orchester gehaltenen Gershwin-Konzert, weiss man, warum.

Diese präzise Farbigkeit, die rhythmische Stringenz und Überzeugungskraft rief Tobias Engeli auch in Bernsteins «Symphonischen Tänzen aus der West Side Story» von den Philharmonikern aus Konstanz ab. Und eine Entdeckung des Abends waren John Adams «Chairman Dances», eine aufhorchen machende Studie über feinst verästelte rhythmische Patterns und raffinierte Klangeffekte. Jenseits simpler Minimal-Music-Technik und vor allem engagiert umgesetzt.

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch