KONZERT: Modestas Pitrenas’ atemberaubender, glutvoller Start

Was für eine leidenschaftliche Interpretation von Tschaikowskys «Pathétique»! Und was für ein Orchesterklang! Modestas Pitrenas hat am Wochenende in der Tonhalle St. Gallen seinen Einstand als designierter Chefdirigent des Sinfonieorchesters gegeben.

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Modestas Pitrenas hat seinen Einstand als designierter Chefdirigent des Sinfonieorchesters gegeben. (Bild: Benjamin Manser)

Modestas Pitrenas hat seinen Einstand als designierter Chefdirigent des Sinfonieorchesters gegeben. (Bild: Benjamin Manser)

Ein völlig beeindrucktes Publikum hat einen Dirigenten erlebt, der den Klang des Orchesters in ungeheurer Intensität aufblühen lässt. Mehr noch als aufblühen: Da ist Kraftentfaltung gelungen, die riesige Vorfreude auf die nächsten Jahre mit dem Litauer macht. Pitrenas’ fast unbändiger körperlicher Einsatz spiegelt seinen unbedingten Willen zu ununterbrochener interpretatorischer Intensität.

Bei Tschaikowskys letzter Sinfonie nahm er alle Musiker bis zum hintersten Pult mit, stachelte sie zu Höchstleistung in Klangfarbe und musikalischer Leidenschaft an. Und dieses Orchester kann – charismatisch angetrieben – russische Leidenschaft! Vom feinsten Klanghauch bis zum verzweifeltsten Aufschrei: Pitrenas’ Dirigat schafft plastische Bilder, emotionale Landschaften, grosse Bögen. Aber auch schärfste Klangintensität ist stets abgefedert, grösste Fortissimi haben immer etwas Schwebendes. Durch diesen Ozean von Gefühlen spricht Pitrenas bei allem bis an die Schmerzgrenze Ausreizendem doch eine erzählende, die Aufmerksamkeit in jedem Moment fesselnde Sprache. Eine Tschaikowsky-Interpretation auf höchstem Niveau und extrem genau.

Zwei Perlen aus dem Baltikum

Der neue Chef des Sinfonieorchesters hatte zwei Stücke aus der baltischen Heimat im Gepäck. Bei der runden, eleganten Tondichtung «Im Walde» des Litauers Mikalojus Konstantinas Ciurlionis gab Modestas Pitrenas bereits eine sehr persönliche Visitenkarte ab. Hier überzeugte der behutsame Umgang mit Stimmungen samt subtil vorbereiteter dynamischer Flächigkeit.

Das Sinfonieorchester St. Gallen hat wunderbare Solisten in seinen Reihen. Etwa Davide Jäger am Englischhorn. Er gestaltete das Solokonzert des Letten Peteris Vasks sehr eindrucksvoll. Intim ausgesungen und in betörender Klage das Elegische, mit genau ziselierten mosaikartigen Effekten der spritzige Folk-Satz. Und auch hier vom Dirigenten wieder wundervoll austarierte Bekenntnismusik. Mit Modestas Pitrenas kommt ein Seelenmusiker nach St. Gallen!

Martin Preisser
Zu hören auf Radio SRF2 Kultur: 8.3.18, 20 Uhr; 10.4.18, 22 Uhr