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Mitsingen zu Hause für den Livemoment: Geisterspiel in der Lukaskirche wird aufgezeichnet und online ausgespielt

Eine Aufführung von Bachs «Weihnachtsoratorium» in der Lukaskirche trotzt Corona mit einem neuen Format.

Urs Mattenberger
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Letztes Konzert, aber bereits ohne Publikum: «Singalong»-Ensemble am Samstag in der Lukaskirche.

Letztes Konzert, aber bereits ohne Publikum: «Singalong»-Ensemble am Samstag in der Lukaskirche.

Bild: Nadia Schärli (Luzern 13. Dezember 2020)

Pauken und Trompeten gehören musikalisch zu Weihnachten wie Feiern im Familienkreis. Wie man aus der Not eine Tugend machen kann, wenn beide wegen Corona verboten sind, bewies am Samstag ein «Konzert» in der Lukaskirche Luzern, das ohne Publikum trotzdem keines war.

Bachs «Weihnachtsoratorium» in Form eines mehrfach angepassten «Singalong»-Konzerts markierte damit sinnfällig den Übergang vom reduzierten Konzertbetrieb der letzten Wochen hin zum musikalischen Lockdown über die Festtage hinaus.

Weihnachten ohne Chor, Publikum und Trompeten

So musste die «Singalong»-Initiantin Ulrike Grosch früh vom Grundgedanken abweichen, dass die Besucher in Chorälen oder Chören mitsingen. Dann verboten die Coronaregeln die Mitwirkung eines Chors – geblieben sind vier Solisten, die sich in den Chorälen zum Vokalquartett vereinen. Nur solistisch besetzt ist auch das Instrumental-Ensemble mit Flöte und Oboe, aber ohne Pauken und Trompeten.

Als der Bundesrat am Freitag Veranstaltungen verbot, fiel auch das Publikum weg. Geisterspiele ohne Publikum machen aber in der Musik noch weniger Sinn als im Sport, wo man ohne Zuschauer wenigstens Punkte sammeln kann. Also organisierte Grosch in Kürze eine Aufzeichnung, die ab Montagabend online zur Verfügung steht.

Damit fiel fast alles weg, was ein Weihnachtsoratorium ausmacht. Aber die Aufführung vor einer Schar von Mitarbeitern in der Lukaskirche nutzte diese Notlage für ein überraschend neues Format: Bachs «Weihnachtsoratorium» ohne Pauken und Trompeten, so wird man es in der Einführung von Valentin Schönherr auch in der Videoaufzeichnung hören, könne andere Aspekte ins Zentrum rücken. Mit dem Wegfall der Chöre rückt das Herrscherlob in den Hintergrund und wird der Zusammenhang zwischen Armut und Erbarmen wichtiger.

Auch online kann man mitsingen!

Weg von der glanzvollen Feier hin zur innigen Meditation: Das gilt für die gewählten Auszüge aus den drei ersten Kantaten wie für die Interpretation. Mit Gabriela Glaus (Sopran), Ursina Patzen (Alt), Remy Burnens (Tenor) und Serafin Heusser (Bass) wirken bekannte Sänger aus der Luzerner Szene mit. Es sind schöne, schlanke Stimmen, die auch in den wenigen Arien nicht solistisch in den Vordergrund drängen. Selbst die Rezitative fügt Burnens in einem erregten Erzählton nahtlos in den ruhigen Fluss der Aufführung ein. Einzig in den Chorälen hätte man sich eine stärkere Belebung gewünscht, zu der sich erst der Schlusschoral «Seid froh dieweil» aufschwingt.

Den Charakter einer Meditation legt schon ein archaischer Kyrie-Choral von Bach fest, der hier den trompeten-glänzenden Eingangschor ersetzt. Und kammermusikalische Feinheiten kostet auch das Ensemble um die Geigerin Miriam Müller aus. Müllers Geige verleiht den Engeln Flügeln («Lasset uns nun gehen») oder pulsiert mit dem Cello von Luise Hage in wunderbaren Zwiegesängen dahin («Schliesse, mein Herze»). Kräftige orchestrale Farben steuern Freddie James an der Orgel und die expressive Oboe von Barbara Zumthurm bei.

Damit rückt diese Meditation auch den Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft in den Vordergrund. Zu Hause aber kann man all das zusammenbringen, wenn man nach der «Singalong»-Idee trotzdem mitsingt. Dann erhält vor dem «schnöden» TV-Gerät (Schönherr) sogar die Onlineübertragung ein «Livemoment».

Generalprobe mit viel Herzblut

Ebenfalls eine Zwischenstellung hatte am Freitag die Generalprobe für die entfallene Premiere von Leos Janáceks Oper «Das schlaue Füchslein». Damit wurden die Vorarbeiten abgeschlossen, damit das Stück mit bloss einer Wiederaufnahmeprobe Premiere feiern kann, sobald die Pandemielage es zulässt.

Man staunte, wie gut auch dieses Werk in diese Zeit passt. Mitten in der Verwüstung, die der Mensch in der Natur angerichtet hat, beschwört Claudio Otelli als Förster hymnisch, wie sich aus dem Wald heraus das Leben erneuert. Ob so viel Wehmut und Hoffnung auf Heilung «blutete einem das Herz», wie ein – entfernter – Sitznachbar meinte.

Die Aufzeichnung der Aufführung in der Lukaskirche ist ab Montagabend auf www.kathluzern.ch sicher bis Ende Jahr aufgeschaltet.

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