KONZERT: Geige und grosse Trommel tanzen Pas de deux

Rosanne Philippens weckte die Neugier auf die Prokofjew-CD mit dem Sinfonieorchester St. Gallen.

Bettina Kugler
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Sie zögert noch einen Moment: Soll sie den ersten oder den zweiten Satz der Solosonate für Violine als Zugabe spielen? Sicher jedenfalls ist, dass Rosanne Philippens bei Sergej Prokofjew bleiben wird. Gut so! Denn gerade hat die Niederländerin das Tonhalle-Publikum mit dessen Violinkonzert g-Moll in Atem gehalten: diesem dichten, auf engem Raum stilistisch so vielschichtigen Werk, das sich nicht entscheiden mag zwischen rhythmischen Extravaganzen und lyrisch schöner Sanglichkeit. Im Nu war so die halbe Stunde verflogen.

Schliesslich wählt sie den ersten Satz und spielt, beweglich zwischen extravertierten Akkorden und nachdenklicher Innenschau, solistisch aus, was zuvor im Dialog mit dem Sinfonieorchester St. Gallen unter Leitung von Chefdirigent Otto Tausk so einnahm für ihre Interpretation. Es ist die detailgenaue Klarheit, die Lust am perkussiven Charakter der Musik, mit elfenhafter Energie umgesetzt. Ebenso das andere Extrem, die geigerische Sinnlichkeit: Rosanne Philippens versteht sie als Sanglichkeit – mit lichtem Timbre, auch über dem Pochen der grossen Trommel. Ihr Auftritt im 3. Tonhallekonzert war das Début der Geigerin in St. Gallen, doch nicht mit dem Sinfonieorchester. Bereits 2016 entstand die gemeinsame CD-Aufnahme des Violinkonzerts. Umso subtiler gestaltete sich das Wechselspiel und erreichte kammermusikalische Finesse.

Brahms’ Formkunst, gefüllt mit Leben

Grosses hat Otto Tausk sich für seine letzte Saison als Chefdirigent vorgenommen, unter anderem einen Beethoven-Schwerpunkt mit allen Sinfonien und dem «Fidelio» im März. Die «Coriolan»-Ouvertüre gab es schon jetzt als verheissungsvolles Vorspiel: mit markigen Sforzati und transparenter Stimmführung.Grosses wartete auch nach der Pause: Brahms in seiner architektonisch strengsten Form der 4. Sinfonie. Die weiten, melancholischen Legatobögen lassen dies vergessen; der Klang ist fein ausbalanciert, doch hätte die dynamische Spannbreite hier noch grösser sein können.

Bettina Kugler