KONZERT: Die Rückkehr der Brüder

Sie haben die letzten Jahre ihre eigenen Karrieren erfolgreich vorangetrieben. Jetzt spielen die Kreuzlinger Musiker Benjamin und Tobias Engeli erstmals symphonisch zusammen. Für beide ein besonderer Moment.

Martin Preisser
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Tobias Engeli arbeitet als Kapellmeister in Leipzig.

Tobias Engeli arbeitet als Kapellmeister in Leipzig.

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

«Vielleicht ist Benjamin mehr der Denker und ich der Musiker, der mehr aus dem Moment heraus agiert», probiert Tobias Engeli einen Unterschied zwischen sich und seinem Bruder zu formulieren. «In der Jugend als Cellist war Tobias der Impulsivere. Heute als Dirigenten erlebe ich ihn als überlegten Musiker», bringt es Pianist Benjamin Engeli auf den Punkt. Er sagt von sich auch, länger gebraucht zu haben, um sich als Solist wohlzufühlen. Beide Engeli-Brüder, aus einer Kreuzlinger Musikerfamilie stammend, haben die letzten Jahre ihre Karrieren verfolgt, mit viel Erfolg.

2003 haben sie das letzte Mal miteinander musiziert. Benjamin hatte Tobias damals bei dessen Cello-Konzertdiplom begleitet. Dass sie jetzt zusammen mit der Südwestdeutschen Philharmonie mit Gershwins Klavierkonzert gemeinsam in der Heimat auftreten, ist für beide ein recht emotionaler Moment. «Ich werde sehr frei musizieren können», freut sich Benjamin Engeli, «die Hierarchie zwischen Dirigent und Pianist fällt weg, wir werden die gleiche Wellenlänge spüren.»

«Es wird diesen gemeinsamen Puls geben.»

Für beide ist es nach vielen Jahren getrennter künstlerischer Entwicklung ein Wiedersehen in einem ersten offiziellen symphonischen Debüt. «Ich bin gespannt, ob wir frühere Mechanismen unseres jugendlichen Musizierens wieder spüren werden oder ob manches anders sein wird», sagt Benjamin Engeli. Was beide Brüder wissen: Sie werden sich aufeinander verlassen können. «Unser Zusammenspiel wird wunderbar funktionieren», ist Tobias überzeugt. «Es wird diesen gemeinsamen Puls geben, den wir von Jugend an immer gespürt haben.»

Tobias Engeli, mit Jahrgang 1974 vier Jahre älter als Benjamin, ist in Leipzig als Kapellmeister tätig, vor allem im Operettenfach. Immer wieder steht er dabei auch am Pult des berühmten Gewandhausorchesters. Benjamin Engeli ist heute als international erfolgreicher Pianist und Kammermusiker unterwegs, als Musiker mit breitem Horizont. «Benjamin ist ein Pianist, der von der Kammermusik her kommt. So beherrscht er auch als Solist wunderbar das Geben und Nehmen im Zusammenspiel mit dem Orchester», sagt sein Bruder.

Die beiden freuen sich auch auf die Südwestdeutsche Philharmonie selbst, ein Orchester, das sie schon in ihrer Kindheit als ­Hörer kennenlernten. Als Pianist des Gershwin Piano Quartet, das an bis zu vier Flügeln auftritt, kennt Benjamin die Musik des Amerikaners sehr gut: «Für Gershwin ist das Klavierkonzert ein Meilenstein seiner kompositorischen Entwicklung, bewies er mit diesem Stück doch seine Meisterschaft auch als klassisch komponierender Künstler. Gershwin hat sein Konzert selbst sehr schnell, mit viel Drive und sehr direkt gespielt. Ich probiere das Stück bei aller Verve doch mit einem Schuss Ruhe darzustellen.»

Jazz und Klassik, beides vereint sich herrlich in diesem Stück, und von beiden stilistischen Seiten kann man als Interpret einen Zugang dazu finden. «Gershwins Stil zu treffen, ist gar nicht ganz einfach, man muss auch einen romantischen Zugang finden» sagt Benjamin Engeli. Es sei sehr seriöse Musik, sagt Dirigent Tobias Engeli. «Ich höre da auch viel Rachmaninow heraus, so als wollte Gershwin in dem Stück seinen eigenen russischen Wurzen nachspüren.»

«Ich werde nicht mehr sein Lehrer sein»

In der Jugend hat der damals quirlige Tobias seinen jüngeren Bruder stark beeinflusst, ihn musikalisch mitgerissen. Heute begegnen sich die beiden Brüder auf künstlerischer Augenhöhe, beide mit einem grossen Paket an Erfahrungen und Erfolg. «Ich werde für Benjamin heute nicht mehr den Lehrer spielen müssen», schmunzelt Tobias.

Er dirigiert neben Gershwin die «Symphonischen Tänze» aus Leonard Bernsteins «West Side Story» sowie dessen Ouvertüre zu «Candide». Dazu ein Stück von John Adams. Seine «Chairman Dances» sind schon typische Minimal Music, aber für den Zuhörer strukturell noch klar fassbar. Das Stück bildet einen ruhigeren Gegenpol zu den feurigen Werken des amerikanischen Abends. Das erste symphonische Zusammentreffen der beiden Engeli-Brüder wird auch viele Musikfreude aus der Region begeistern, die sich vielleicht gerne an den Start der beiden Künstler im Thurgau erinnern.

Fr, 12.5., 20 Uhr, und So, 14.5., 18 Uhr, Konzil, Konstanz; Di, 16.5., 20 Uhr, Dreispitz, Kreuzlingen; benjaminengeli.com tobiasengeli.com

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