KONZERT DER ANDEREN ART: Schlaflos in Zürich

Der Schweizer Erstaufführung von Max Richters achtstündigem Wiegenlied «Sleep» beizuwohnen war ein ganz besonderes Erlebnis. Besonders laut war es aber leider auch.

Susanne Holz, Zürich
Drucken
Teilen
Eine Halle voll Menschen in Schlafbereitschaft – in Erwartung eines berückenden Wiegenlieds. (Bild: Nadia Schärli (Zürich, 5. August 2017))

Eine Halle voll Menschen in Schlafbereitschaft – in Erwartung eines berückenden Wiegenlieds. (Bild: Nadia Schärli (Zürich, 5. August 2017))

Susanne Holz, Zürich

Hört man Passagen von Max Richters Werk «Sleep» (siehe Box) auf Youtube, ist man fasziniert. Man empfindet diese Musik, gewidmet der Nacht und dem Schlaf, als sehr sanft und zärtlich. Klavier und Streicher sind bestimmend, hinzu kommen eine Sopranistin, Keyboards und elektronische Klänge. «Sleep» ist nicht nur das längste je aufgenommene Musikstück, sondern auch Musik, die erlebt werden soll, während man einschläft und schläft.

Richter hatte im Vorfeld der Komposition beim Neurowissenschafter David Eagleman viele Informationen über den Geisteszustand im Schlaf eingeholt und sich u.a. die Frage gestellt: «Ist es möglich zuzuhören, während man schläft?» Uraufgeführt wurde «Sleep» im März 2016 im Kraftwerk Berlin – über 400 Zuhörer teilten sich ein Massenlager aus Feldbetten. Diesen Mai brachten Richter und sein Ensemble das achtstündige Lullaby in London zur Aufführung, im Juli folgten die Städte Madrid und Amsterdam. Die internationale Presse zeigt sich begeistert vom Endlos-Wiegenlied. «Betörend», nennt es der «New Yorker», festzumachen auch «irgendwo jenseits der sterblichen Welt».

Beruhigend vertraut, verstörend ungewöhnlich

Und nun also dürfen sich rund 120 Menschen in 60 Doppelbetten, das Ganze gesponsert von Ikea Schweiz – die Betten kommen dem Hilfswerk von Pfarrer Sieber zugute, in Zürich von Max Richter in den Schlaf musizieren lassen. Vergangene Samstag-auf- Sonntag-Nacht, in der Halle 622 beim Bahnhof Zürich Oerlikon. Diese Halle diente bis 2012 der Produktion von Hochspannungsapparaturen. Seit 2017 ist sie Event- und Konzertlocation.

Stichwort Hochspannung: Manch einer wird in dieser Nacht nicht in den Schlaf finden. Was nicht an der Musik an sich liegt, sondern an ihrer Lautstärke. Das Werk selbst zieht in seinen Bann – was hier zu Gehör gebracht wird von Piano, Bratsche, zwei Violinen und zwei Celli, das klingt so beruhigend vertraut wie verstörend ungewöhnlich. Und Max Richter komponiert zweifellos nicht nur schöne Musik, sondern sagt auch schöne Dinge. Wie diesen Juni im «Zeit-Magazin» zu lesen: «Wenn wir Musik hören, wenn wir uns mit ihr verbinden, erleben wir sie als eine Landschaft, als einen Ort, den wir bewohnen, ein sicherer Ort, an dem sich alles richtig anfühlt, obwohl man ihn noch gar nicht kennt.»

Sicher und komfortabel fühlt man sich um 23.30 Uhr am späten Samstagabend auch in der Halle 622. Man freut sich riesig auf die Musik, die da kommt, und richtet sich in seinem Bett ein. Es gibt Saft, Tee, Snacks, Decken, Bademäntel und sogar Zahnbürsten. Man fühlt sich geborgen. Die Leute, die hier gerade ihre Betten in Beschlag nehmen, sind entweder Vertreter der Medien oder Musikbegeisterte, die von Ikea ausgelost wurden.

So wie Yasmin und Nina Melcher aus Solothurn, 27 und 26 Jahre alt. Yasmin findet Max Rich­ters Neuinterpretation von Vivaldis «Vier Jahreszeiten» super. Und da sie auch ein Fan des schwedischen Möbelriesen ist, dachte sie sich: «Hierbei bewerbe ich mich!» Richters Werk «Sleep» kennen die Schwestern noch nicht: «Wir lassen uns überraschen.»

Man ist schon ziemlich müde, als man kurz vor Mitternacht zuerst von Ikea begrüsst wird: «Heute feiern wir zusammen den Schlaf.» In der Schweiz leide eine von vier Personen unter Schlafstörungen. Nun solle man sich wie zu Hause fühlen und vielleicht auch ein paar neue Freunde finden beim achtstündigen Lullaby von Max Richter. «Dormi bien et sogni d’oro.» Schlaft schön und träumt süss.

«Geniesst den Trip. Wir werden an eurer Seite sein.»

Dann betritt der Komponist höchstselbst die Bühne. Ganz in Schwarz, setzt er sich ans Piano, nicht ohne zuvor die Zuhörerschaft in ihren Doppelbetten willkommen geheissen zu haben zu seiner Nachforschung, wie «Musik und Bewusstsein zusammenpassen». Sehr nett findet man, wie er sagt: «Geniesst den Trip. Wir werden an eurer Seite sein.»

Pünktlich um Mitternacht starten die Musiker. Der Klang: erstaunlich laut und raumfüllend. Irgendwie stellt man sich ein Lullaby leiser vor. Manche legen sich gleich lang hin und schliessen die Augen. Andere sitzen im Bett und lauschen. Ein Journalist tippt in seinen Laptop. Der Sound der Streicher vorne: anschwellend. Laut. Sie verharren auf einem Ton. Gut, denkt man, das entspricht dem Furor der Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Es wird bald leiser werden.

Man nimmt seine Kontaktlinsen raus und hofft auf eine baldige Übereinstimmung des so sanft wirkenden Pianisten Max Richter mit seiner gerade gespielten Musik. Um ein Uhr beginnt man zu ahnen, dass da wohl nichts leiser wird, was einem der Mann am Mischpult bestätigt. Bei den Snacks findet man Ohropax und eine Frau, die sagt: «Es hallt zu sehr, eigentlich ist’s eine Tortur.»

Um halb zwei plaudert man mit dem Journalisten am Laptop: «Wunderschöne Musik, aber zu laut», meint auch dieser. Um drei Uhr trifft man vor den Toiletten auf zwei Frauen, die mit dem Gedanken spielen, nach Hause zu gehen: «Zu laut», stöhnen sie lachend. Um vier Uhr rät man einem Pärchen zu Ohropax und weiss plötzlich, wie das mit dem Freunde finden gemeint war. Um sechs liest man in seinen mitgebrachten Unterlagen, dass Max Richter gerne und gut schläft.

Um kurz vor acht wacht man aus einem kurzen Dämmerschlaf auf und ist etwas versöhnt: Das Piano klingt schön, die Streicher auch. Sanftmut zum Start in den Tag. Um acht gibts Applaus, begeisterte Pfiffe, Rufe. Richter und sein Ensemble verbeugen sich. Und Yasmin Melcher hat gut geschlafen und findet: «Es ist schon toll, dass einer acht Stunden lang für 120 Leute spielt.»

Hinweis

Am 18. November führt Max Richter die Über-Nacht-Version von «Sleep» in Paris auf.