Aufgeblasene Kunst:
Mit Emojis voll heisser Luft

Die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury verführt im Kunstraum Dornbirn mit ihrer Ausstellung «io» in die Welt verfremdeter Selfies.

Nina Keel
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Virtuelle Selbstdarstellung in riesigen Dimensionen: Die Künstlerin «zeigt sich» mit ihrer Katze. Bild: PD/Kunstraum Dornbirn

Virtuelle Selbstdarstellung in riesigen Dimensionen: Die Künstlerin «zeigt sich» mit ihrer Katze. Bild: PD/Kunstraum Dornbirn

Da stehen zwei Aufgeblasene, sie nehmen den ganzen Raum ein. Sie schauen einen nicht an. Liegt es daran, dass sie gerade am Zähneputzen sind? Ein Spiegel fehlt. Die Rede ist von den beiden «Inflatables», Frau und Katze, den aufblasbaren Werken der Genfer Künstlerin Sylvie Fleury. Die Frau, das ist eine bis zur Decke reichende Büste aus Kunststoffgewebe mit überdimensioniertem Kopf, markanter Brille und pinkem T-Shirt. Die Katze, lila und ebenso niedlich, sitzt links von ihr und putzt sich ebenso unbeholfen die Zähne.

Fleury zeigt eine neue Werkgruppe mit überdimensionierten, Fleisch – oder besser Kunststoff – gewordenen Emojis. Die Aufgeblasenen schauen ins Smartphone. Mit einem Selfie und dem App Bitmoji nahm die Werkgruppe der Künstlerin ihren Anfang. Fleury, Trägerin auffälliger Brillen und Klamotten, nutzt Instagram rege, ihre Katze kommt regelmässig vor.

Die Grenze zwischen real und virtuell verschwindet

Selfies von sich mit der Hausgefährtin speiste die Künstlerin in die App ein, die personalisierte Emojis generiert: «Irgendwann stellte ich fest, dass sich eine merkwürdige Beziehung mit dieser virtuellen Figur angebahnt hatte», erzährt Fleury. Diesen Umstand, nämlich das zunehmende Verschwimmen der Grenze zwischen real und virtuell, greift sie mit der Ausstellung auf. Die Emojis liess die Künstlerin von einem Wiener Inflatables-Hersteller in dreidimensionale Werke überführen. Dass das physische Dasein für die Emojis aber nur temporärer Natur ist, wird einem beim Besuch der Ausstellung akustisch bewusst: Ohne permanentes Zuführen von Luft würden Frau und Katze im Nu in sich zusammensacken. In Dornbirn tönt es daher wie in einer Hüpfburg.

Fleury reiht sich mit Frau und Katze ein in eine Reihe neuerer Werke, welche in riesigen Dimensionen die Selbstdarstellung im Selfie-Zeitalter aufgreifen. Fleury gibt Kontrolle ab, durch Bitmoji entsteht nicht unbedingt ein schmeichelhaftes Selbstporträt. Die Betrachtung dieser Kunst geht fast schon reflexartig einher mit dem Zücken des Smartphones, um ein Selfie mit Skulptur zu machen. Bei Fleury wird die Instagram-Tauglichkeit unterstützt durch die Lichtsituation: Die Fensterreihen der ehemaligen Montagehalle wurden mit rosa und gelber Folie beklebt: «Man soll sich fühlen wie innerhalb eines Aura-Soma-Fläschchens und generelle Heilung erfahren», sagt Fleury mit einem Augenzwinkern. Aura Soma, das sind zweifarbige esoterische Heilfläschchen, deren Inhalt neue Impulse zur Lebensgestaltung geben soll.

«Mein Werk handelt von Identität»

Fleurys Werk steht seit den 1990er-Jahren für vergoldete Einkaufswägen oder Installationen mit Hochglanzmagazinen und Gucci-Taschen: «Shopping und Luxus, damit wurde ich immer verbunden, aber wenn man mich fragt, handelt mein Werk von Identität», stellt die Genferin zurecht richtig. Die Dornbirner Schau reiht sich da ein und verhält sich ebenso schrill, raumgreifend und Logo-orientiert wie eh und je.

Eine neue Kontaktstelle zum aktuellen Zeitgeschehen liefert Sylvie Fleury indes nicht: Die virtuelle wird ebenso wie die esoterische Sphäre bloss angeschnitten und es entsteht kein näherer Bezug zu den Aufgeblasenen. Alles bleibt auf der Ebene des Schauens. Wer aber Emojis in neuer Grösse gegenübertreten möchte – mit oder ohne Smartphone –, der mache sich auf nach Dornbirn.

Hinweis

Bis 13.10., täglich 10–18 Uhr, Kunstraum Dornbirn, Jahngasse 9; kunstraumdornbirn.at