Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

KONSTANZ: «Das Eigene gibt’s gar nicht»

Den Blick über die Grenze wagt Museumsleiter Tobias Engelsing auch dieses Jahr – mit einer Ausstellung zur Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei.
Rolf App
Interessiert an der Geschichte des gesamten Bodenseeraums: Tobias Engelsing, Leiter der vier Konstanzer Museen. (Bild: Andrea Stalder)

Interessiert an der Geschichte des gesamten Bodenseeraums: Tobias Engelsing, Leiter der vier Konstanzer Museen. (Bild: Andrea Stalder)

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Wir treffen uns in Konstanz im Rosgartenmuseum, einem von vier Häusern, für die Tobias Engelsing verantwortlich ist. Ein paar Strassen entfernt nur verläuft eine Grenze, die für ihn gar keine ist. «Hier mischt sich ja alles, seit Jahrhunderten. Süddeutschland und die Ostschweiz – das ist alles ein internationaler Raum, der unter vielerlei Einflüssen stand und steht», sagt er.

Am deutlichsten erkennt man diese Durchlässigkeit aller Grenzen in den Familiengeschichten, auch in seiner eigenen. Der Vater stammte aus Aachen, wo man über die holländische und belgische Grenze geheiratet hat. Die Urgrossmutter kam aus Einsiedeln als Dienstmädchen in den Haushalt des Dorfpolizisten von Konstanz-Wollmatingen – und heiratete dann dessen Sohn.

Nach dem «Tägermoos» die Appenzeller

Und wie sich in den Familien die Völker mischen, so geschieht es in Kunst und Kultur, wovon etwa die Wessenberg-Galerie mit ihrem seit jeher grenzüberschreitenden Ausstellungsprogramm profitiert. Und im Alltag natürlich auch. Für Tobias Engelsing ist das ein nahezu unerschöpflicher Stoff für Ausstellungen. Letztes Jahr hat er sich in einer Ausstellung mit dem Tägermoos beschäftigt, einem Stück Konstanzer Gemeindegebiet auf Schweizer Boden, auf dem Konstanzer Bauern Gemüse für Schweizer Abnehmer anbauen. Dieses Jahr schlägt er die umgekehrte Richtung ein und holt die Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei ins Kulturzentrum am Münster.

Er fragt: «Was prägt dieses Land, das nur eine Dreiviertel Stunde Fahrt von uns entfernt ist?» Es wird Exkursionen zu Appenzeller Kunstdenkmälern und Museen geben, literarisch-musikalische Abende, Wanderungen im Alpstein. Fremdes Terrain ist das Appenzellerland nicht. «Appenzeller Käse und Butter wurden auf dem Konstanzer Wochenmarkt schon im Spätmittelalter verkauft», erzählt Tobias Engelsing. «Appenzeller Käser haben im Allgäu den Allgäuern beigebracht, wie man Käse macht. Umgekehrt heissen die Pfeifen der Sennen ‹Lindauerli›, beziehen sich also auf Lindau und wurden im Allgäu geschnitzt.»

Den Heimatbegriff nicht den Rechtspopulisten überlassen

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, wenn Engelsing an die Adresse aller ideologischen Grenzschützer sagt: «Das Eigene gibt’s gar nicht.» Und beifügt: «Wir sollten den Heimatbegriff nicht den Rechtspopulisten überlassen. Sondern in unseren Ausstellungen zeigen, wie Heimat sich verändert – und trotzdem Heimat bleibt.» In solchen Worten wird ein wichtiges Stück jenes Programms sichtbar, mit dem der heute 56-jährige Historiker und Jurist im Jahr 2007 angetreten ist. Mutig gewählt «von denen, die ich als Lokalchef des ‹Südkurier› zuvor mindestens zweimal in der Woche geärgert hatte», wie er sagt.

Nach einer Interimszeit existierte an den Konstanzer Museen ein Reformstau. Sie mussten dringend erneuert, das heisst auch: für ein breites Publikum geöffnet werden. So wurden attraktivere Eingangsbereiche geschaffen und ein Museumscafé eingerichtet. Die Ausstellungen wurden thematisch abwechslungsreicher und didaktisch geschickter entworfen, weil heutige Museumsbesucher nicht mehr mit dem bildungsbürgerlichen Hintergrund früherer Generationen daherkommen.

Mit Napoleons Jagdflinte über den Zoll

Sich dem Publikum auf eine billige Weise andienen will er aber nicht. «Nach wie vor hat ein Museum einen Bildungsauftrag. Zu reflektieren, ähnlich wie ein Theater, nur mit anderen Mitteln.» Dass Konstanz nie zerstört worden ist, erweist sich dabei als ein Glück. «Wir verfügen über enorme Bestände», sagt Engelsing. «Deshalb bauen wir im Industriegebiet gerade ein neues Kunstdepot für fast drei Millionen Euro.» Und deshalb ist Konstanz auch grosszügig mit Leihgaben an befreundete Häuser, auch in der Schweiz.

Doch der kulturelle Grenzverkehr läuft auch in umgekehrter Richtung. Für die Appenzeller Ausstellung werden Appenzeller Museen ihn unterstützen. Dabei wird wohl nicht passieren, was sich bei einer Ausstellung zu Kaiser Napoleon III. ereignet hat: «Wir wollten eine Jagdflinte aus dem Schloss Arenenberg herüber nehmen», erzählt Tobias Engelsing. «Der zuvorkommende Zoll hatte seine Zustimmung erteilt. Als ich dann da stand, stellten die Zöllner fest: Es war eine doppelläufige Flinte, waffenrechtlich deshalb etwas Anderes. Und ich durfte weder zurück in die Schweiz noch nach Deutschland. Bis mich das Ordnungsamt mit einer vorübergehend gültigen Transporterlaubnis erlöst hat.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.