KOMPONIST: «Ich gebäre Musik»

Humor und Ernsthaftigkeit finden bei Péter Eötvös zu besonderer Verbindung. Zum Beispiel im «Oratorium balbulum», das seinen Schöpfer im Gespräch von der Stiftsbibliothek träumen lässt.

Rolf App
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Ein Mensch, der mit Gelassenheit unsere Zeit betrachtet: Péter Eötvös, Komponist aus Ungarn. (Bild: Fréderique Toulet/Getty)

Ein Mensch, der mit Gelassenheit unsere Zeit betrachtet: Péter Eötvös, Komponist aus Ungarn. (Bild: Fréderique Toulet/Getty)

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@tagblatt.ch

«Ich muss unbedingt nach St. Gallen kommen», sagt Péter Eötvös gleich zu Beginn unseres Gesprächs. «Ich muss diese Bibliothek sehen. Ist sie schön?» Ja, die Stiftsbibliothek ist schön. Schön und geheimnisvoll. In ihren Beständen hat im späten 9.AABB22Jahrhundert jener Mönch seine Spuren hinterlassen, an den ein Werk erinnert, das gestern unter der Leitung seines Schöpfers in der Tonhalle Zürich seine Schweizer Erstaufführung erlebt hat: Denn der Namensgeber dieses «Oratorium balbulum» ist Notker Balbulus, Notker der Stammler. Einer der bedeutendsten Wortkünstler des Frühmittelalters.

Gott ist eine «Arbeitshypothese»

Im Oratorium gibt es einen Erzähler, den Narrator. Es gibt einen vom Gespräch mit Nietzsche noch betrunkenen Engel, und es gibt einen Propheten, der stottert wie Notker, sein Vorfahr. Und einen wichtigtuerischen Chor, der ständig «Halleluja» singt, selbst wenn es um die Lottozahlen geht. Gott, das ist eine «Arbeitshypothese», sagt der Engel. Der Prophet beklagt sich, dass «die Fleischbrühe der Kultur» ganz dünn geworden ist. Und der Narrator stellt fest, dass uns «nach dem Ende des Kommunismus die Zukunft ausgegangen ist». Die Menschen ziehen Zäune. «Kann das hier jemand verstehen?»

Ein ernstes Zeitbild also, über das Péter Eötvös seine bei aller gelegentlichen Wucht doch leichten Klänge breitet. Aber ein Zeitbild auch voller Humor. Eötvös hat einmal von sich selber gesagt, er arbeite wie ein Schneider. Seine Kompositionen entstünden für einen bestimmten Kunden, und zwar massgeschneidert. Am gestrigen Abend sind es zwei, die von ihm einen Anzug bekommen haben. Einer ist tot, der andere quicklebendig.

Péter Esterházy ist letzten Juli gestorben, von ihm stammt das Libretto zum «Oratorium balbulum». Für den Percussionisten Martin Grubinger hat Eötvös «Speaking Drums» geschrieben, ein Schlagzeugkonzert, in dem der Solist nicht nur sein Instrumenten-Arsenal à fond kennen lernt, sondern in dem er sprechen, schreien, grummeln darf.

Humor und Perfektion: eine besondere Mischung

Über Esterházy sagt Péter Eötvös: «Der Humor hat uns verbunden. Ich liebe Clowns, seit jeher. Und ich halte es für wichtig, ernste Themen mit einer Art positiven Humors zu präsentieren», sagt er. «Denn Humor, das ist ein Ausdruck von Freiheit. Man sieht mehr, wenn man die Welt mit Humor betrachtet.»

Mit Martin Grubinger verbindet Eötvös das Temperament. «Martins technische Möglichkeiten sind endlos», sagt er, «und die Art, wie ich denke, kommt bei ihm sehr natürlich an. Wir sind wie Brüder, nur dass der eine halt ein bisschen älter ist», sagt der 73-jährige Ungar über den 33-jährigen Österreicher. Auch das Schlagzeug verbindet sie, denn Eötvös hat schon früh Schlagzeug gespielt. Und: Beiden eigen ist ein ausgeprägter Hang zur Perfektion. Grubinger kann bis in die Nacht hinein proben, und Péter Eötvös sagt: «Meine Kompositionen sind wie Kinder. Sie kommen auf die Welt, und du empfindest tiefe Freude. Dann aber müssen sie gehen lernen.» Noch weit über die Uraufführung hinaus feilt er an Partituren.

Das Verbotene lockt ihn an

Das Bild kommt nicht von ungefähr über seine Lippen. «Ich bin zwar ein Mann. Aber ich gebäre Musik», sagt Péter Eötvös. Und wie eine Mutter nicht weiss, was da in ihrem Körper heranwächst, so ist auch sein Komponieren ein in wichtigen Teilen unbewusster Prozess. «Erst nach und nach bildet sich oft eine Idee heraus, der ich dann bis in die Details folge.» Auf diese Details kommt es an. Sein Name bedeute «Goldschmied», hat Eötvös gesagt. «Und was tut so einer anderes, als an Einzelheiten zu arbeiten?» Mit in seinem Fall oft sinnlich-schönen , von Spiel- und Lebensfreude erfüllten und immer wieder überraschenden Resultaten.

Diese mit einer ausgeprägten Neugier verknüpfte Lebensfreude spürt man im Gespräch, und sie zeigt sich in seinen Kursen für junge Dirigenten und Komponisten. «Durch die Fragen lerne ich selber viel in diesen Kursen. Und ich fühle mich auch verpflichtet, weiterzugeben, was ich weiss.»

Denn er hat alle grossen Komponisten des 20. Jahrhunderts gekannt und ihre Werke aufgeführt. Die Neugier geweckt hat dabei nicht nur das familiäre Umfeld: Die Mutter war Klavierlehrerin, der Grossvater beherrschte alle Streichinstrumente, beide waren begeisterte Pädagogen. Gelockt hat den jungen Peter Eötvös auch das in Zeiten des Kommunismus Verbotene. «Das Höchste, was man an der Musikakademie akzeptierte, war die Musik von Béla Bartók.» Mit ihr ist er aufgewachsen, sie ist seine «musikalische Muttersprache». Dennoch wurde ihm dieses Korsett zu eng. Er lernte die verpönte Wiener Schule kennen, vor allem Anton Webern, und stiess immer weiter vor in die Musik seiner Zeit. «Als Karlheinz Stockhausen mich später fragte, warum ich das alles kenne, da sagte ich: weil es verboten war.»

Das Konzert mit Péter Eötvös’ Schlagzeugkonzert «Speaking Drums» und dem «Oratorium balbulum» wird heute und morgen um 19.30 Uhr in der Tonhalle Zürich wiederholt.