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Komponieren bei Kindergeschrei

Zwanzig Kinder hat Johann Sebastian Bach mit seinen zwei Frauen gehabt. Ihm war die Familie wichtig – auch in einem weiteren Sinn: Akribisch genau hat er den Stammbaum der Bachs zusammengetragen.
Rolf App
Einen humorvollen Blick auf die Familie Bach wirft 1975 Johannes Grützke in «Bach, von seinen Kindern gestört».

Einen humorvollen Blick auf die Familie Bach wirft 1975 Johannes Grützke in «Bach, von seinen Kindern gestört».

Man muss sich Johann Sebastian Bachs Haus erfüllt von Kinderlärm vorstellen. Viele dieser insgesamt zwanzig Kinder, die er mit zwei Frauen zeugt, sterben – was im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert durchaus verbreitet ist. Bach aber zeugt unablässig neue. Und während zu seinen Füssen das eine oder andere Kleinkind herumkrabbelt, komponiert er.

Anna Magdalenas «Soprano»

Jeder in diesem Haus macht Musik. Johann Sebastian Bach unterrichtet seine Kinder, und gemeinsam musiziert man. Anna Magdalena, seine zweite Frau, singt bezaubernd. So lernt er sie auch am Hof von Anhalt-Köthen überhaupt erst kennen, ein Jahr nach dem überraschenden Tod seiner ersten Frau Maria Barbara. Voll Stolz schreibt er darauf, dass seine Frau «gar einen sauberen Soprano singe».

Hauskonzert bei Bachs

Besonders beliebt ist in der Familie denn auch das «Quodlibetsingen»: Eine Stimme intoniert ein Volkslied, die andern improvisieren dazu. Auch Hauskonzerte veranstaltet Bach. Und schreibt 1730 an einen Freund über seine Kinder: «Insgesamt aber sind sie gebohrne Musici und kann versichern, dass schon ein Concert vocaliter und instrumentaliter mit meiner Familie formiren kann.»

So ist dieser Johann Sebastian Bach kein abgehobener, zurückgezogener und nur seine Kunst lebender Mensch, sondern, ganz im Gegenteil, tief im Alltag verwurzelt. Es sei «ganz wunderbar, dass dieser Komponist, der als der intellektuellste und tiefste Grübler von allen gilt, auch der menschlichste war», schreibt Luc André Marcel in seiner Bach-Biographie. «Ständig vom Lärm umgeben, konnte er sich auf die subtilsten Gedanken oder Phantasien konzentrieren. Mit Wonne atmete er in dieser vitalen Atmosphäre; sie regte ihn an.»

Der Onkel spielt die Orgel

Doch ist die Musik nicht nur Johann Sebastian Bachs Lebenselixier. Die Beschäftigung mit ihr zieht sich auch durch seine weit gespannte Verwandtschaft. Früh hört er Johann Christoph, seinen Onkel, die Orgel spielen – der ist vor ihm der berühmteste Komponist in der Familie. Diese Familie kommt aus Thüringen, und 1735 trägt Johann Sebastian Bach auf einem guten Dutzend Seiten zusammen, was er von ihr weiss. 53 männliche Personen notiert er, rund 130 Jahre umfasst dieser Stammbaum. Dessen wichtigstes Kennzeichen: Es finden sich unter den Bachs jede Menge Musiker – Kantoren, Organisten, Stadtpfeifer oder Hofmusiker.

Am Anfang steht allerdings ein Bäcker: Veit Bach, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den weiten und durchaus gefährlichen Weg von Pressburg – dem heutigen Bratislava – unter die Füsse nimmt. Pressburg gehört zu Österreich-Ungarn, aber es liegt nah der Grenze zum Osmanischen Reich, dessen Truppen später bis vor die Tore Wiens vorstossen werden. Allzu gemütlich ist dort die Lage nicht.

Veit Bach zieht zurück

Zu Wechmar bei Gotha, wohin er zieht, scheint es überdies Beziehungen gegeben zu haben. Volker Hagedorn stellt in «Bachs Welt», seinem Buch über die Familie Bach, durchaus mit Grund die Überlegung an, diese Bachs könnten Generationen zuvor ausgewandert sein. Jetzt also kommen sie zurück, und zu den Bäckern gesellen sich über die Generationen mehr und mehr Musiker. Schon 1600 wird in Gotha ein Caspar Bach als Stadtpfeifer verzeichnet.

Der Aufstieg der Musiker

Lange hätten die Musiker «jenseits der Höfe und Kantoreien nicht mehr Rechte gehabt als Gaukler, entlaufene Mönche, Bettler», schreibt Hagedorn. Jetzt werden sie wichtiger. «Sie musizieren bei Bürgermeisterwahlen, Ratsschmäusen, Fürstenbesuchen, Huldigungsmusiken, Wachaufzügen, bei Grundsteinlegungen, Richtfeiern, Schützenfesten, Schulfeiern.» Die Bürger dürfen nur Stadtpfeifer für ihre Hochzeiten, Taufen oder Begräbnisse engagieren. «Sie liefern Tanzmusik, helfen bei der Kirchenmusik, sie spielen den Verurteilten am Galgen das Lied vom Tod.» Dafür könne ihr Jahresgehalt um 1600 – Einkünfte bei privaten Auftritten nicht gerechnet – bis zu 26 Gulden betragen, «was vierzig Schweinen oder einer guten Posaune entspricht».

Das Netz der Familie Bach

Natürlich kommen härtere Zeiten. Im Dreissigjährigen Krieg wird Thüringen immer wieder derart verwüstet, dass die Musiker oft nicht mehr besoldet werden können. Aber die Bachs behaupten sich. Sie bilden ein dichtes Netz von Musikern, unter denen Johann Sebastian nicht der letzte ist: Seine Kinder setzen die Tradition fort.

Volker Hagedorn: Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies, Rowohlt 2016, 411 S., Fr. 35.90

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