KOMÖDIE: Tante Martha verzweifelt gesucht

Der französisch-belgische Film «Paris pieds nus» bietet vor Einfallsreichtum sprühenden Slapstick in bester Stummfilmtradition. Zu einem geschlossenen Ganzen fügen sich die einzelnen Szenen allerdings nur bedingt.

Walter Gasperi
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Fiona Gordon und Dominique Abel führen Regie und spielen auch die Hauptrollen in «Paris pieds nus». (Bild: Praesens/PD)

Fiona Gordon und Dominique Abel führen Regie und spielen auch die Hauptrollen in «Paris pieds nus». (Bild: Praesens/PD)

Walter Gasperi

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Es beginnt im winterlichen Kanada in einer tiefverschneiten Spielzeug-Kleinstadt, in der die wenigen Häuser blau, gelb und rot aus dem Weiss herausleuchten. Auf einem Hügel erklärt Martha während eines Schneesturms ihrer Nichte Fiona, dass sie nach Paris aufbrechen wolle. Im Zeitraffer verstreichen nun 48 Jahre: Die Kleinstadt wächst und schliesslich schneit es in die Bibliothek der längst erwachsenen Fiona im wahrsten Sinne des Wortes einen Brief ihrer Tante herein. Martha bittet ihre Nichte um Hilfe, da man sie in ein Altersheim bringen will – und dabei ist sie erst 88.

Sofort bricht Fiona mit grünem Pullover und rotem Rucksack mit Ahornflagge nach Paris auf, um ihrer Tante zu helfen. Diese ist aber nirgends auffindbar, da sie auf der Flucht vor Altenpflegern und der Polizei ist. Fiona dagegen verliert bald bei einem musikalisch originell vom «Swimming Song» kommentierten Sturz in die Seine ihren Rucksack und begegnet dem Clochard Dom, der der orientierungslosen Frau immer wieder den Weg zeigen muss.

Komik à la Keaton und Tati

Verspielt und liebevoll gemacht ist nicht nur der Auftakt, sondern der ganze Film sprüht vor hinreissenden Slapstickszenen, die an Buster Keaton und Jacques Tati erinnern. Körperkomik feinster Güte wird geboten, wenn Dom Fiona zum Tanz auffordert, selbst ein kurzer Hochseilakt auf dem Eiffelturm im Stile eines Harold Lloyd fehlt nicht. Nichts gemein mit den heute gängigen Komödien hat «Paris pieds nus», bezaubert aber gerade dadurch. Wesentlich trägt dazu auch die grosse Emmanuelle Riva bei, die nach ihrer oscarnominierten Rolle in Michael Hanekes «Amour»» nochmals mit 89 Jahren – kurz vor ihrem Tod im Januar 2017 – mit Witz, Charme und Leichtigkeit erfreut.

Der Belgier Dominique Abel und die Kanadierin Fiona Gordon arbeiten seit 25 Jahren zusammen. Nach mehreren Theaterproduktionen haben sie seit 2005 auch vier lange Spielfilme gedreht. Einen autobiografischen Touch gewinnt «Paris pieds nus» schon dadurch, dass die von dem Duo selbst gespielten Protagonisten Dom und Fiona heissen, und Fiona zudem aus Kanada kommt.

Hinreissende Szenen, fehlende Dramaturgie

So beglückend diese französisch-belgische Komödie im Detail und in den einzelnen Szenen ist, so ist doch unübersehbar, dass sich die Teile nicht zu einem geschlossenen Ganzen fügen. Zwar gibt es mit der Suche nach Tante Martha eine klare Handlungslinie, doch eine stringente Dramaturgie fehlt. Und Figuren und Szenen verlieren sich teilweise im Nichts. Da sorgt beispielsweise zunächst eine Begegnung Fionas mit einem klassisch rot gekleideten kanadischen Mounty für Witz, doch bald verschwindet diese Figur wieder aus dem Film.

Auch Pierre Richard, der Anfang der 1970er-Jahre als «Der grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh» berühmt wurde, hat einen kurzen Gastauftritt und darf mit Riva einen hinreissenden Pas de deux hinlegen, bei dem man nur die Füsse der Tänzer sieht, doch Richard verabschiedet sich so unvermittelt wieder aus dem Film, wie er aufgetaucht ist.

Auf Typen reduziert bleiben auch die Figuren, sodass emotional nur das Schicksal Tante Marthas berührt. Originelle, völlig aus dem Rahmen fallende, kurzweilige Unterhaltung und zumindest die Erkenntnis, dass eine Öko-Urne auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist und man Martha nicht mit Marthe verwechseln sollte, bietet «Paris pieds nus» aber auf jeden Fall.

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region werden noch folgen.