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KOMMENTAR: Anschwellende Sehnsucht nach reinem Schauspielertheater

Eine kritische Anmerkung zum Schauspiel am Theater St.Gallen: Dort bekomme man als regelmässiger Besucher zu oft dieselbe schrille Künstlichkeit vorgesetzt, schreibt Kulturredaktor Hansruedi Kugler in seinem Kommentar.
Eine Szene aus "Matto regiert" am Theater St.Gallen. (Bild: Iko Freese)

Eine Szene aus "Matto regiert" am Theater St.Gallen. (Bild: Iko Freese)

Noch überwiegt die Freude und Begeisterung über das erweiterte Theaterverständnis des St. Galler Schauspielchefs Jonas Knecht. Bedeutung und Stückinhalt in Choreografie, Musik, Bild und schrille Figurenzeichnung zu übertragen, ist äusserst reizvoll. Seine Einstiegsinszenierung mit der Hamlet-Choreografie in der Lokremise letztes Jahr war prächtiges, mutiges Theater. Und bei der letzten Premiere, bei «Matto regiert» in der Regie von Christina Rast, passt diese Art Schauspiel ebenfalls sehr gut. Aber als regelmässiger Besucher bekommt man unterdessen zu oft dieselbe schrille Künstlichkeit vorgesetzt. Diese funktioniert ohnehin nicht immer, droht gar zur selbstverliebten Pose zu werden. «Hungaricum» in der Regie von Sabine Harbeke lief in atemloser Aneinanderreihung von Mini-Grotesken ins Leere, liess einem im Publikum unberührt. Auch in Knechts eigener Inszenierung «Die Räuber» waren die Figuren zeitweise unangenehm schrill, ja kasperlehaft. Wenn man dann in Abonnementsvorstellungen viele Besucher in der Pause das Theater verlassen sieht, muss man sich Sorgen machen um die Zukunft von Jonas Knecht am Theater St. Gallen. Das wäre dann doch mehr als schade.

Nüchtern betrachtet, lautet der Befund: Derzeit fehlt es in der Schauspielsparte an Ausgewogenheit, an Vielfalt der Theaterformen. Knechts Verdienst ist gross: Viele Gegenwartsstücke wie «Eine Familie», «Am Boden», «Das Schweigen der Schweiz», «Fräulein Stark» oder «Terror» haben dank ihm letzte Saison nach St. Gallen gefunden. Aber selbst als Theaterkritiker, der Freude an herausfordernden Theaterformen hat, spürt man in der jetzigen Saisonmitte eine anschwellende Sehnsucht nach einem reinen Schauspielertheater, nach gelegentlichen Inszenierungen, in denen Schauspieler nicht mit den Mitteln der Groteske, sondern mit präzisem psychologischem Realismus agieren. So etwa wie zuletzt hier gesehen in Tim Kramers Schnitzler-Inszenierung «Das weite Land». Ein Schauspieltheater, das allein mit Sprache, Geste, Mimik auskommt; das auf die modischen Mehrfachrollen verzichtet, denn die verwirren oft mehr als dass sie wach machen; ein Theater ohne knallige Maskeraden; ein Theater, das am Ende für viele Theaterbesucher die Einfühlung leichter macht. Kurz und zugespitzt gesagt: Ein Theater, das die Schauspieler als Menschen, nicht als Kasperlefiguren auftreten lässt. Immer nur schrille Kunstfiguren zu spielen, ist für Schauspieler ermüdend. Wenn Jonas Knecht ein besseres Verhältnis der Theaterformen gelingt, wird man sein Team sehr gerne noch länger als nur drei Jahre in St. Gallen halten. Denn der frische Wind, den er nach St. Gallen brachte, den braucht man hier unbedingt weiterhin.

Hansruedi Kugler
hansruedi.kugler@tagblatt.ch

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