Anti-Star
Komiker Kurt Krömer: Als Versager erfolgreich

Wer die polierte Oberfläche der Instagram-Welt nicht mehr erträgt, für den wirkt Kurt Krömer wie ein Therapeutikum. Nach fünf Jahren kehrt der Anti-Star des deutschen Fernsehens zurück. Mit einem Sendeformat, das man sich auch im Schweizer Fernsehen wünscht.

Julia Stephan
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Kurt Krömer als Akten sichtender Beamter in seiner neuen Show «Chez Krömer».

Kurt Krömer als Akten sichtender Beamter in seiner neuen Show «Chez Krömer».

Daniel Prsdorf/rbb

Vor Jürgen Höller, Deutschlands erfolgreichstem Motivationstrainer, liegt ein dreissigminütiger Höllenritt, als er als erster Gast in der Verhörzelle von Kurt Krömers (45) neuer Fernsehshow «Chez Krömer» wartet. Der Managerguru sass vor wenigen Jahren noch wegen Veruntreuung und Insolvenzverschleppung im Gefängnis. Seine Millionen verdient er mit Motivationsseminaren, in denen Menschen ihren Träumen von der Tellerwäscherkarriere nachhängen. Jeder kann erfolgreich sein, lautet Höllers in mehreren Bestsellern wiederholtes Mantra. Für den Schulabbrecher Kurt Krömer, der im Berliner Stadtteil Neukölln in direkter Nachbarschaft zu den Abgehängten der Gesellschaft lebt, ist dieser Mann eine einzige Provokation.

Übellaunig und allzeit schlecht vorbereitet

Denn Kurt Krömer ist das, was im Höllerschen Erfolgskosmos ein Versager ist. Eine Jobausbildung als Herrenausstatter hat er abgebrochen. Zwei Jahre lang hat er Berliner Wohnblöcke geputzt. In schlecht sitzenden karierten Anzügen, übellaunig und allzeit schlecht vorbereitet hat der Talkmaster Anfang der 2000er-Jahre damit begonnen, im Spätabendprogramm des deutschen Fernsehens gegen seinen Willen erfolgreich zu sein. Kaum schlug ein Sendeformat ein, hörte er wieder auf. «Ich zerstöre mir alles, was ich aufgebaut habe, um mich zu erneuern», hat er vor einigen Jahren in der «Zeit» geschrieben. Wohl auch deshalb hat sich Krömer vor fünf Jahren aus dem Fernsehen zurückgezogen. Jetzt ist er für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)mit einem neuen Sendeformat zurückgekehrt. Darin interviewt er Menschen, die er nicht mag. In der Schweiz hat das zuletzt ein Roger Schawinski versucht – seine Talksendung auf SRF1 wird in diesem März aus Spargründen abgesetzt.

Vom eitlen Schawinski ist dieser Berliner Humor-Nerd natürlich charakterlich meilenweit entfernt. Aber alle Schweizer, die den unverschämten Interviewstil im Schweizer Fernsehen vermissen, werden im Krömer einen wunderbaren Ersatz finden.

Die ersten vier Folgen «Chez Krömer» sind in der ARD-Mediathek online abrufbar. Bereits über 1,8 Millionen Menschen haben sich die im Herbst angelaufene erste Staffel im Internet angesehen. Und in der ersten Folge bläst Krömer eben jenem Antipoden Jürgen Höller den Zigarettenrauch ins Gesicht, und fragt mit strengem Beamtenblick: «Haben Sie als Erfolgscoach eigentlich nur mit erfolglosen Menschen zu tun?» Da verschlug es selbst dem eloquenten Höller die Sprache.

Krömer wäre nicht Krömer, wenn er seine eigenen Sendeformate nicht ad absurdum führen würde. Nach zwei auf Augenhöhe geführten Duellen mit geschmeidigen Jungpolitikern gingen ihm in Folge vier die Gäste aus. «86 Leute haben wir eingeladen, und 86 haben abgesagt», erklärt er zähneknirschend in Folge vier. Freund und Ex-Handball-Star Stefan Kretzschmar musste einspringen. «Da kommt doch keiner», kritisierte der bei laufender Kamera, einen Döner und eine Kindertasse mit Sekt in der Hand, die ihm Krömer in die Hand gedrückt hat. Inzwischen haben das auch Krömer und der rbb eingesehen. Nächste Woche startet Staffel zwei. Neu dürfen sich nicht nur Feinde grillen lassen, sondern auch Freunde.

Wie ein harmloses Nagetier

Dass das so gut funktioniert, liegt an Krömers kultiviertem Loser-Image, wie man es vom depressiven Kapuzenträger Nico Semsrott kennt oder vom griesgrämigen Ex-Sidekick von Giacobbo/Müller, dem Appenzeller Daniel Ziegler. Einer, der nichts zu verlieren hat, kann seinem Gegenüber die Maske runterreissen, ohne viel befürchten zu müssen.

Und Krömer ist ein unberechenbares Gegenüber: Er starrt Löcher in die Luft, verhakt sich in Nichtigkeiten. Er verliert den Faden, ist vergesslich, respektlos und stellt Fragen in der Lauerstellung eines harmlosen Nagetiers, bei dem man vergisst, dass es Zähne hat. Und trotzdem besitzt Krömer bei allen Gemeinheiten eben auch eine grosse Sensibilität für sein Gegenüber, die einem Schawinksi völlig abgeht. Ihm braucht man nicht zu sagen, wann er zubeissen darf.

«Chez Krömer» ist im Internet auf der ARD Mediathek abrufbar. Start der 2. Staffel: 11. 2.