Kolumne
«Glamour, mon amour»: Die Sache mit Lausanne

Unsere Autorin Simone Meier fühlte sich als Kind als etwas ganz Besonderes – bis sie in den Heimatkundeunterricht kam.

Simone Meier
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Malerische Aussicht: Der Blick auf den Hafen von Lausanne im Stadtteil Ouchy am Genferseeufer.

Malerische Aussicht: Der Blick auf den Hafen von Lausanne im Stadtteil Ouchy am Genferseeufer.

Bild: Keystone

Wie gut kennen Sie die Schweiz? Nein, anders gefragt: Wann lernten Sie die Schweiz richtig kennen? Bei mir wars in einer Schulstunde in der vierten oder fünften Klasse. Sie wurde meine bitterste Lektion in Sachen Desillusionierung. Der ganze Stolz meiner Kindheit bestand damals darin, dass ich glaubte, in Frankreich zur Welt gekommen zu sein. Und zwar in einer Stadt, bei deren Namen ich immer an «Laus-Sahne» denken musste. Ausgesprochen wurde er als «Losan».

Es gefiel mir, dass ausgerechnet der Name meiner Geburtsstadt auf ziemlich vielen Schweizer Autobahnschildern prangte, dieses Lausanne musste wirklich eine bedeutende französische Stadt sein, wahrscheinlich kam sie direkt nach Paris. Endlich machten wir einen Ausflug nach Lausanne, und das Erste, was ich von «meiner» Stadt sah, war ein Parkplatz, der nicht besonders exotisch wirkte.

Doch das Zweite war die Parkplatztoilette, und so was hatte ich nun wirklich noch nie gesehen, man konnte sich nämlich nicht setzen, sondern musste sich über ein Loch stellen. Wahnsinn, diese Franzosen, dachte ich, was müssen das für Menschen sein! Exzentrisch und akrobatisch, fast wie die von mir damals sehr verehrten Artistinnen und Artisten des Circus Knie! Nein, das dachte ich natürlich nicht, aber ich fragte mich schon, wie man so eine französische Bodenlochtoilette ohne Unfall benutzen soll.

Die Zeit verging, und ich sass in einem Schulzimmer im Fricktal, wo Toiletten einen bequemen Sitz hatten und man nicht versucht war, ins Güllenloch des Allzumenschlichen hinabzuschauen.

Ich weiss noch, dass ich irrsinnig gelangweilt war, es war die letzte Schulstunde eines Morgens, der sich nach allen Seiten hin gedehnt hatte, es war ein Donnerstag oder Freitag, die Stunde nannte sich Heimatkunde, und wir hatten zuvor Himmelsrichtungen gebüffelt und eine Windrose gezeichnet – eine Arbeit, die Exaktheit und Geduld brauchte, was beides nicht meine Kernkompetenzen waren. Und dann sagte die Lehrerin: «So, und jetzt erzählt mir mal, wo ihr zur Welt gekommen seid.»

Mein Blick schweifte triumphierend über die Romandie hinweg und nach Frankreich. Und wieder zurück. Und blieb erschüttert innerhalb der gestrichelten Grenzlinie hängen. Nicht nur mein Gesicht, nein, mein ganzes Blut wurde weiss wie Milch. Lausanne gehörte zur Schweiz.

Die Autobahnschilder machten plötzlich Sinn. Alles andere machte keinen mehr. Mein ganzes Leben. Die Lehrerin fragte: «Und, Simone, wo kommst du her?» Ich stotterte: «Aus der linken unteren Ecke der Schweiz.» «Und jetzt nochmals mit Himmelsrichtungen!»

Ich konnte ihr nicht antworten. Ich starrte sie bloss stumm und hilflos an. Mein Traum von meiner eigenen kleinen Exklusivität war für immer zerplatzt. Ich war nichts Besonderes. Was soll ich sagen? Ich habe damit leben gelernt. Und Lausanne ist mir inzwischen doch sehr ans Herz gewachsen. Auch wenn es nicht in Frankreich liegt.

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