Kolumne

«Die Sprachstilistin»: Weswegen W-Wörter wie Wunderwaffen wirken – und wozu, wofür, wobei man sie braucht

Unserer Kolumnistin Odilia Hiller gefällt die Schweizer Variante des Hochdeutschen. Man kann es aber auch übertreiben.

Odilia Hiller
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Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts», Romanistin und Germanistin.

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller. Auch Regionalleiterin und stellvertretende Chefredaktorin des «St.Galler Tagblatts», Romanistin und Germanistin.

Bild: Michel Canonica

Das Schweizer Hochdeutsche ist wirklich rührend und manchmal sogar sehr cool. Ich bin ein Fan und kategorisch dafür, es als eigene Ausprägung der deutschen Hochsprache mündlich und schriftlich zu pflegen. Privat schreibe ich ohne mit der Wimper zu zucken: «Das tönt gut!» anstelle des aus meinem Mund geschwollen wirkenden: «Das hört sich gut an!» Begründung: Die Schweizerin in mir sagt «Das tönt gut». Punkt.

Grillieren, parkieren, Estrich, Trottoir. Das alles ist wunderbar. Es wirkt manchmal furchtbar affig, wenn Schweizerinnen und Schweizer sich – geschrieben oder gesprochen – zu einem allzu verschraubten Hochdeutsch hochschwingen. Das Stichwort lautet Authentizität, sie ist im Gegensatz zu aufgesetzten Bühnendeutschexperimenten immer glaubwürdiger.

Wo die Authentizität aufhört, und die Nachlässigkeit anfängt

Doch wo sind die Grenzen? Wann hört Authentizität auf, und wo fangen Lieblosigkeit und Nachlässigkeit an? Es gibt mindestens einen Punkt, wo ich finde, die Schweizer sollten sich mal wieder am Riemen reissen und ein paar deutsche Bücher lesen, die sie daran erinnern, welche Möglichkeiten das Hochdeutsche in Sachen präziser Formulierung bietet.

Es geht um die Schweizer Unsitte, all die netten W-Binde- und Fragewörter, über die das Deutsche verfügt, einfach zu ignorieren. Sie ist mittlerweile so weit verbreitet, dass man sich fragt, ob die Funktion von Frage- und Bindewörtern in den Schulen überhaupt noch unterrichtet wird. Ob Radio, TV oder Zeitung – fast alle üben sich im Vergessen.

Ein paar Beispiele

Hier ein paar Beispiele dieser Saumode [Schweizerdeutsch für «Unart». Siehe auch die letzte «Sprachstilistin» zum Thema Fluchen].

«Für was ist das gut?» – «Ich weiss auch nicht, zu was das gut sein soll.»
«Der Grund, wegen dem wir darüber reden, ist...»
«Zu was ist Trump noch in der Lage?»
«Bei was kann diese Initiative helfen?»

Wofür, weshalb, weswegen, wozu, wobei – sie alle wären so schöne Alternativen zu solch ungelenken Phrasen... Diese W-Wörter sind drauf und dran, in der Schweiz ihre Sprachheimat zu verlieren. Dabei böten diese Binde- und Fragewörter eine unkomplizierte Möglichkeit, dem Empfänger der Nachricht zu zeigen, dass sich der Absender beim Formulieren ein bisschen Mühe gegeben hat.

Wir leben in einer Zeit unendlich vieler Fragen und Antworten. Die Google-Statistik zeigt, dass das Wörtchen «Warum» während des Zweiten Weltkriegs ein regelrechtes Hoch erlebte. Weshalb nicht dafür sorgen, dass während der Coronakrise wenigstens präzise, wohlüberlegte Fragen gestellt werden? Und weise formulierte Antworten gesucht werden? Ach ja, mit einer Ausnahme: «Wieso» ist vulgär. Sagte mein Englischlehrer selig. Ihm zuliebe halte ich mich daran.