König Artus und die Frauenwelt

Prominenz war da, der Jubel gross: Die Weltpremiere des Musicals «Artus» von Frank Wildhorn im Theater St. Gallen war am Samstagabend ein voller Erfolg – auch künstlerisch.

Rolf App
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Ein entscheidender Moment: Artus (Patrick Stanke, Mitte) will die Affäre von Guinevere (Annemieke van Dam) mit Lancelot (Mark Seibert) rächen. (Bild: Andreas J. Etter)

Ein entscheidender Moment: Artus (Patrick Stanke, Mitte) will die Affäre von Guinevere (Annemieke van Dam) mit Lancelot (Mark Seibert) rächen. (Bild: Andreas J. Etter)

Erwartung liegt in der Luft. Das Theater St. Gallen hat den roten Teppich ausgerollt, eifrig werden Gäste empfangen. Dunkle Anzüge sind weit verbreitet, bei den Damen edle Roben, Prominenz ist zahlreich erschienen. Mehr noch: Man hört fremde Sprachen, Englisch vor allem.

Britannien, 6. Jahrhundert

Schräg unter uns hat Ivan Menchell Platz genommen mit seiner Familie. Vor ihm sitzt Robin Lerner, auch Frank Wildhorn ist in der Nähe. Sie haben den gutgelaunten Menschenauflauf verursacht, sie sind die Schöpfer von «Artus» – jenem Musical, das an diesem Samstagabend Premiere haben wird. Weltpremiere. Von Wildhorn stammt die Musik, von Menchell das Buch, von Robin Lerner sind die Songtexte.

Jetzt hebt sich der Vorhang, wir tauchen ein in eine Welt, die längst vergangen ist. Nebel wabern, Tote liegen da, Trauernde strömen herbei. Wir sind im Britannien des 6. Jahrhunderts. Unruhen erschüttern das Land, Rechtlosigkeit herrscht, Armut grassiert. Mit einer Kinder- und einer Frauenstimme fängt es an, der Chor fällt ein, man hört die Trommel, den Dudelsack, und eine langsame, getragene Melodie, die immer wieder mal auftauchen wird – immer dann, wenn Tote weggetragen werden.

Das von Koen Schoots geleitete Sinfonieorchester St. Gallen ist für Musicalverhältnisse gross besetzt. Frank Wildhorn nutzt dies gelegentlich aus, oft aber setzt er zartere Akzente. Lässt, zum Beispiel, Harfe und Piccolo spielen oder die Gitarren erklingen, wenn er eine intimere Stimmung erzeugen will. Oft ist es aber eine stark vom Rhythmus geprägte Musik, mit der er die Handlung vorwärtstreibt. Pauke, Trommel und anderes Schlagwerk geben der Musik Struktur.

«Dieses Land braucht ein Herz»

Die Szene verändert sich, Merlin erscheint, gespielt von Thomas Borchert, der «Seher der Könige», wie er sich selber bezeichnet. Man kann ihn auch einen Zauberer nennen. Ja, in früherer Zeit, da war der Fluss klar und hell, singt er, jetzt aber ist das Leben erstarrt. Und dann: «Dieses Land braucht ein Herz /voller Mitleid und Mut / zu Erbarmen und Opfern bereit.»

Tragen wird dieses Herz jener Mann, dem es gelingt, das von Merlin in einen Felsen versenkte Schwert Excalibur wieder aus dem Stein zu ziehen. Viele versuchen es, auch die Bewaffneten von König Loth, die Böses im Sinn haben. Dem jungen Artus indes gelingt es, zu seiner eigenen Überraschung, und so beendet er zusammen mit seinem Ziehvater Ector und dem Gefährten Lancelot einen ersten Schwertkampf gegen Loths Männer zu seinen Gunsten.

Nicht nur in dieser ersten, in den Kampf mündenden Massenszene überzeugt Eric Sean Fogel mit seiner Choreographie. Das gilt auch für Francesca Zambellos Regie. Rasch fügt sie Szene an Szene, schafft mit lebendigen Ensembleauftritten Abwechslung, immer wieder kommt auch dem Theaterchor eine wichtige Rolle zu. Worum es im Handlungsablauf geht, das wird so unmittelbar einsichtig. Einzig dem zweiten Akt hätte da und dort etwas Straffung gutgetan.

Männer und Frauen

«Artus» zeigt zuallererst eine Schar kräftiger junger Männer, die, in Alltagskleidern, sich aufmachen, in ihrem Land Ordnung zu schaffen und deren Welt dann nach und nach höfisch geprägt wird – ein Prozess, den Sue Wilmington mit ihren Kostümen und Peter J. Davison mit der raffiniert einfachen und auch durch Parallelszenen genutzten Bühne sehr schön unterstreichen. Die jungen Männer überzeugen schauspielerisch wie stimmlich, allen voran Patrick Stanke als Artus und Mark Seibert als Lancelot. Ihrer rauhen, dem Waffengang verpflichteten Welt zur Seite tritt jene der Frauen.

Es gibt sie, unter den Hauptrollen, in zwei Ausprägungen: Als zart und etwas blass liebende Guinevere (Annemieke van Dam), die sich Artus im romantischen Wald nähert. Und als die wilde, flammend rothaarige Morgana (Sabrina Weckerlin). Sie hat fulminante Auftritte, die sie mit einer ebenso fulminanten Stimme und exzessivem, lustvollem Spiel ausfüllt.

Diese Morgana, in ihren Ursprüngen eine heidnische irische Gottheit, ist Artus' mit seherischen Fähigkeiten begabte Halbschwester. Ihr Stiefvater Uther Pendragon – der Mörder ihres Vaters – hat sie gequält und misshandelt, nachdem ihm Artus von Merlin genommen worden war. Jetzt will sie sich rächen. So bekommt in dieser Morgana das Böse ein bleich geschminktes, attraktives Gesicht, das etwas Mephistophelisches an sich hat.

Raffinierte Lichtregie

Und es ist Zeit, die Lichtregie von Mark McCullough zu würdigen. Sie vermittelt Stimmungen, verdeutlicht Zusammenhänge, überrascht auch immer wieder mit raschen Wechseln. Es ist kein nachgebautes Mittelalter, dem man hier, im Bühnenraum und in den Kostümen begegnet, sondern einer zeitlosen Welt. Der Welt der Friedenshoffnungen und Liebessehnsüchte. Mag sein, dass der Text da und dort mit seinem staatsmännischen Pathos etwas dick aufträgt. Aber die vielerlei Deutungen, die der Artus-Mythos bis in unsere Zeit erfahren hat (siehe Kasten), bezeugen doch seine fortdauernde Kraft.

Der Liebesbetrug

Es geht in ihm um Chaos und Krieg, um Herrscher und Untertanen, um Liebe und Verrat. Guinevere liebt Artus, aber Lancelot liebt Guinevere auch – und als Artus sich immer mehr in den Krieg gegen König Loth stürzt, da wird sie ihm untreu. Morgana erzählt ihm brühwarm davon.

Jetzt, in diesem Moment, verliert der König seine Bestimmung – und jene seines Schwerts – aus den Augen. Er wird herrschsüchtig. Und das Schwert, das, wie Merlin sagt, die Menschen befrieden, sie zusammenführen soll, wird zum blutigen Herrschaftsinstrument.

Überraschungen zum Schluss

Zwei Überraschungen bringen «Artus» an sein Ende: Zur Entscheidungsschlacht kehrt Lancelot aus der Verbannung zurück, kämpft und stirbt. Und auch Guinevere taucht wieder auf, gewinnt Artus' Herz in einem letzten Duett. Ein Happy End also, wie es sich gehört.

Das Publikum ist begeistert, es applaudiert minutenlang, bis der Vorhang fällt. Und während die Premierenbesucher ins Foyer drängen, braucht Ivan Menchell ein Taschentuch, um sich die Freudentränen abzuputzen.

Zweierlei Zauberer: Merlin (Thomas Borchert) und Morgana (Sabrina Weckerlin). (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Zweierlei Zauberer: Merlin (Thomas Borchert) und Morgana (Sabrina Weckerlin). (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)