Köder in der Kunsthalle

Die im Thurgau lebende Joëlle Allet untersucht das Schwarmverhalten von Tieren und Menschen. In der Kunsthalle Wil zeigt sie präzis gesetzte Werke zu einem vielbeachteten Phänomen.

Kristin Schmidt
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Verführerisch und zerstörerisch: Installation mit Glasfischen im Obergeschoss der Kunsthalle. (Bild: Olivia Hug)

Verführerisch und zerstörerisch: Installation mit Glasfischen im Obergeschoss der Kunsthalle. (Bild: Olivia Hug)

Alles selbstverständlich – der Raum ist bestuhlt, die Kunst hängt an Drähten von der Decke, die Plastik thront auf dem Sockel. Und doch ist alles anders. Die Stühle zum Beispiel. In sechs Reihen stehen sie da, einer so schwarz wie der andere, alle basieren auf dem Modell «classic» der ältesten Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz. Aber sie sind in Schieflage, kippen nach rechts oder links, stehen da wie auf Stelzen, so dass nicht nur Kinderbeine baumeln. Sie sind weniger Sitz- als Bewegungsmöbel und entsprechen der menschlichen Unrast, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Denken oder sich ködern lassen

Denn Joëlle Allet (*1980) nennt ihre Installation «Audience Flow» und stellt damit den Bezug zum unsteten Zuschauerverhalten her, beschreibt der Begriff doch die Umschaltlust der Fernsehenden. Die ist den Programmverantwortlichen nicht entgangen. Wie also das Publikum fesseln? Die Manipulationsversuche sind zahlreich. Aber wie die Stühle bei Allet sind auch die Zuschauenden bei allen Ähnlichkeiten keine einheitliche Menge. Die einen denken selbst, die anderen lassen sich ködern. Wenigstens sind die Konsequenzen für Menschen weniger schmerzhaft als für Tiere, wenn sie eigens plazierten Verlockungen erliegen.

Joëlle Allet hat die Angeln im Obergeschoss ausgeworfen: Drahtseile mit wunderschönen Ködern daran – gläsern, silbrig, die spiegelglatte Oberfläche sanft gewölbt, schwerelos wie Andy Warhols Silver Clouds, aber mit Kiemen und Flossen. Es sind abstrahierte Fischkörper, die die Künstlerin aus dem üblichen Kunststoffmaterial in Glas übertragen und ins Riesenhafte vergrössert hat. Verführerisch und zerstörerisch, denn der Metallhaken gehört auch dazu. Er ragt durchs Maul der Attrappen hinein und mit Spitze und Widerhaken aus ihrem Bauch wieder heraus. Er ist der unverzichtbare Bestandteil der Köder, ohne ihn wäre das Lockmittel nutzlos, er ist der Stachel im gläsernen Fisch.

Die junge Künstlerin aus Sirnach (geboren in Leukerbad) verwandelt Gebrauchsobjekte, verändert ihre Gestalt, Grösse oder Materialität, kombiniert sie miteinander oder multipliziert sie. Daraus entwickelt sie hintergründige Realitätsverschiebungen und Irritationen.

Die Dynamik der Schwärme

So zeigt ein zartes Gespinst auf weissem Sockel erst auf den zweiten Blick seine Widerhaken. Allet hat es aus Angelhaken zusammengelötet. Sie umkreisen und behaken einander, bilden eine homogene Menge und bestehen doch jeder für sich; genauso wie die Einzelwesen eines Fisch- oder Vogelschwarms.

In kleinformatigen Kaltnadel-Radierungen bannt Allet die Dynamik der Schwärme. Es sind kleinformatige, energiegeladene Bilder in souveränem Zusammenklang von Material und Inhalt. Kleinste Striche fügen sich zur grossen Masse. Mal vereinigen sie sich zu einem Strudel, mal strömen sie auseinander und ballen sich wieder. Das Individuum bleibt stets Teil des Ganzen. Schwarmintelligenz wird längst nicht mehr nur im Tierreich lokalisiert. Allet zeigt eindrücklich, wohin sie führen kann.

Kunsthalle Wil, bis 16. März

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