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Klug und leidenschaftlich

Publizist, Moderator, Intellektueller, Weltbürger. Roger Willemsen war all das und noch mehr. Die Neugier trieb ihn an: Zum Reisen, zu seinen Hunderten von Interviews, zum Schreiben. Nun ist er im Alter von 60 Jahren gestorben.
Andreas Stock

Zuletzt war es still. Was bei diesem von Leidenschaften angetriebenen Menschen von nimmermüdem Tatendrang äusserst ungewöhnlich war. Roger Willemsen hatte sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, als er wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag am 15. August 2015 erfuhr, dass er an Krebs erkrankt sei. Er sagte sämtliche öffentlichen Termine ab. Nur knapp fünf Monate später ist er der schweren Krankheit erlegen. Am Sonntag ist Willemsen in seinem Haus bei Hamburg gestorben, wie sein Büro und der Verlag S. Fischer in Frankfurt bestätigten.

Ein Schöngeist, aber nicht elitär

Roger Willemsen war einer der bekanntesten Intellektuellen in Deutschland. Und einer der beliebtesten, wovon zahlreiche Bestseller zeugen. Denn obwohl ein Schöngeist und die personifizierte Intelligenz, verängstigte er sein Publikum damit nicht. Trotz des Hangs zum zuweilen akademisch Gestelzten oder wunderbaren Manierismen, drohte das nie ins Elitäre oder gar Überhebliche zu kippen. Davor bewahrte ihn sein feiner, von Ironie durchzogener Humor, aber auch sein Respekt und seine Neugier am Leben der Menschen. So konnte es passieren, dass ihn wildfremde Menschen auf der Strasse ansprachen, und er sich geduldig ihre Geschichten anhörte.

Sich die Zeit zu nehmen, für einen Ort, für die Menschen und die Beobachtungsgabe – das bezeichnete er selbst einmal als Methode «zur Herstellung von Präzision». Das zeichnet essayistische Reisebücher wie «Die Enden der Welt» oder «Bangkok Noir» aus. Auch seinen letzten Bestseller «Das Hohe Haus». Ein Jahr lang hatte er das Geschehen im deutschen Bundestag von der Tribüne als Zuhörer verfolgt.

Ein Wendepunkt mit 15 Jahren

Willemsen, 1955 in Bonn geboren, war ein grossartiger, unterhaltsamer Erzähler. In mehr als 50 Büchern hat er einen teilhaben lassen an seiner unermesslichen Neugier an der Welt. Ob in Tonga, Afghanistan, Afrika oder am Nordpol. Ob in philosophischen Texten oder seiner Freude an den Abenteuerromanen von Jack London. Oder wie im Buch «Knacks» an seinen Gedanken über die Wendepunkte, die es im Leben geben kann.

Ein Wendepunkt war für den 15-Jährigen der Tod seines Vaters. Danach habe er sich erst richtig überlegen müssen, was er mit seinem Leben anfangen wolle, sagte er in einem Interview. Schriftsteller wollte er werden. Er studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte.

Einfühlsamer Gesprächspartner

Dieser Mann war nicht nur ein schneller, kluger Redner, von dem man hätte glauben können, er habe nicht nur jedes Buch gelesen, sondern sich zu jedem seine Gedanken gemacht. Er war auch ein sehr guter Zuhörer. Und das machte ihn zum perfekten Fernsehmoderatoren. Ab 1991 führte er die Gesprächssendung «0137» und avancierte zum Shootingstar. Mehr als 600 Ausgaben moderierte er und sprach mit Prominenten, aber auch ganz alltäglichen Menschen. Sein Anspruch, «genau zu sein», und seine einfühlsame Gesprächsführung machten ihn und sein Magazin preiswürdig. 1992 wurde Willemsen mit dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Im Jahr darauf erhielt er den Adolf-Grimme-Preis in Gold.

Populär wurde er ab 1994 während vier Jahren mit «Willemsens Woche», noch immer eine der besten Talksendungen, die es im Fernsehen gab. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» bezeichnete sie als «Muster für intelligente, wenn nicht gar intellektuelle Unterhaltung». Es folgten die Porträtreihe «Willemsens Zeitgenossen» und zahlreiche andere Moderationen.

Zwei Jahre «Literaturclub»

1993 hatte er die eigene Produktionsfirma «Noa-Noa» gegründet, die Dokumentationen, Interviews und Themenabende produzierte. Und eigentlich hatte er sich 2001 als Fernsehmoderator verabschiedet. Doch das Schweizer Fernsehen konnte ihn ab 2004 nochmals für zwei Jahre gewinnen, als Moderator des «Literaturclubs». Auch wenn sich Willemsen danach auf seine publizistischen Tätigkeiten konzentrierte, wagte er sich noch auf die Kabarettbühne: in einem Programm mit Dieter Hildebrandt, aber auch mit dem Soloprogramm «…und du so?». Und dann gab es auch noch den leidenschaftlichen Musikliebhaber; zu erleben beispielsweise in der Radiosendung «Willemsen legt auf…», worin er Klassik und Jazz miteinander verband.

Kämpfer für Menschenrechte

Einen Namen machte er sich auch als «engagierter Kämpfer für die Menschenrechte und Unterstützer zahlreicher Hilfsorganisationen, wofür er 2015 ausgezeichnet wurde. Der Sinn des Lebens bestehe auch darin, «die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen», sagte Willemsen. Es könne ein «beglückendes Konzept» sein, dem Leben mit der Einstellung zu begegnen: «Ich habe meine Frist. Ich erfülle sie.»

In Deutschland hat die Nachricht vom Tod Roger Willemsens Betroffenheit ausgelöst. Neben vielen anderen zeigte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel auf Twitter «zutiefst betrübt»: Deutschland verliere «einen brillanten Intellektuellen, einen Weltbürger im besten Sinne und eine bedeutende Stimme unseres Kulturlebens – intelligent, pointiert, streitbar».

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