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Klug, eigensinnig, weltläufig

Der bekannte Galerist und Verleger Jürg Janett ist am 31. März im Alter von 88 Jahren in St. Gallen gestorben. Matthias Bärmann, der über Jahrzehnte professionell und privat mit Janett verbunden war, erinnert sich.
Matthias Bärmann
Eine elegante Erscheinung, scharfer Intellekt – Jürg Janett (1928–2016). (Bild: Franziska Messner-Rast)

Eine elegante Erscheinung, scharfer Intellekt – Jürg Janett (1928–2016). (Bild: Franziska Messner-Rast)

1946, unmittelbar nach Kriegsende, lernen sich zwei Neunzehnjährige als Pendler im Zug auf der Strecke Romanshorn–Frauenfeld kennen: Franz Larese, der gerade eine Ausbildung zum Buchhändler absolviert, und Gymnasiast Jürg Janett. Die Gespräche drehen sich um die gemeinsame Leidenschaft: Bücher, Lesen, Kunst – der frühe Impuls für ein grosses gemeinsames Lebensprojekt. 1958 in St. Gallen beginnt es Gestalt anzunehmen, nachdem Janett sein Studium der Staats- und Verwaltungswissenschaften abgeschlossen hat: der Aufbau einer Galerie und eines Verlags, später noch einer Künstlerpresse. 15 Jahre später firmiert der Verbund von Bild, Buch und Lithowerkstatt als Erker-Galerie/Verlag/Presse.

Perfektion im Dienste des Buchs

Larese, laut Janett «Mann des Aufbaus», ist zuständig für Kommunikation, Verkauf und Wirtschaftliches. Janett kümmert sich als Leiter und Lektor um den Verlag und übernimmt weitgehend die Organisation. Für Jahrzehnte besteht in St. Gallen ein Ort, an dem die grossen Künstler der Nachkriegszeit sich mit Dichtern, Philosophen, Wissenschaftern, Besuchern aus der Stadt, der ganzen Schweiz und dem Ausland treffen. Ein inspirierender Ort des Geistes, intim und zugleich von internationaler Strahlkraft.

Im Sommer 2000, der Erker ist noch in voller Aktivität, stirbt Franz Larese. Am 31. März 2016 ist im Alter von 88 Jahren auch Jürg Janett gestorben, in St. Gallen, wie sein Freund und Partner. Janett wollte keinen Nachruf. Kein Aufsehen um seine Person. Daher an dieser Stelle einige persönliche, sehr subjektive Erinnerungen aus drei Jahrzehnten, an Besuche, Begegnungen, Gespräche, gemeinsame Arbeit.

Orte der Begegnung. Bad Ragaz, bei einer kleinen Exkursion führt Janett durch die Heimat seiner Familie nahe Maienfeld im Rheintal. Festliche Eröffnungsabende im Wasserschloss zu Hagenwil. In St. Gallen, über ausgetretene Holztreppen zu erreichen, die schönen Räume der Galerie im alten «Haus zur Wahrheit», 2. Stock; durch jede neue Ausstellung wieder verwandelt. Das Restaurant Baratella, immer ein Treffpunkt. Lange Arbeitssitzungen in den Verlagsräumen. Jürg Janett, eine elegante Erscheinung, scharfer Intellekt, offen und spontan, freundlich mit gelegentlich ironischem Einschlag; klug, belesen, weltläufig, ein Mann von unnachgiebiger Genauigkeit, immer wach und präsent. Eigensinnig. Von anderen, zuerst aber von sich selbst erwartete er im Dienste des gerade entstehenden Buches einfach: Perfektion.

Geerdet durch seine Herkunft

Verschattete Seiten seines Gemüts brach er durch Selbstironie, Heiterkeit, einen wachen Sinn für Situationskomik; wenn etwa am Schluss einer Sitzung in allgemeiner Erschöpfung die Frage sich auftat, ob ein Punkt am Ende eines kursiv gesetzten Satzes ebenfalls kursiv sein müsse; die Anspannung entlädt sich schlagartig in Gelächter, in Ausrufen. «Ja geht's denn noch.» «Heiliger Bimbam.»

Geerdet war Jürg Janett durch seine Herkunft aus einem kleinbürgerlichen, sozialistischen Elternhaus. Sein Vater arbeitete für die Schweizer Bahn und schlug bei den auf dem Bahnhof stehenden Zügen mit einem grossen Hammer die Bremsklötze frei. Nachts half er Flüchtlingen aus Deutschland über die Grenze und weiter. Daher vielleicht das Gefühl für soziale Verantwortung des Sohnes, seine Solidarität und Disziplin, das ausgeprägte Pflichtbewusstsein.

Alle Kraft aufs Leben gesetzt

Anfang der 90er-Jahre wurde bei Janett eine unheilbare neurologische Erkrankung diagnostiziert. Gegen alle Prognosen der Ärzte lebte er noch 25 Jahre, indem er der Krankheit keine Macht über sein Leben einräumte, diese vielmehr pragmatisch hinnahm und alle Kraft eben auf dieses Leben setzte. Konkret bedeutete das über einen solch langen Zeitraum hinweg: ein hellwaches Bewusstsein, eingeschlossen in einen motorisch immer weiter reduzierten und attackierten Körper. Einschränkung des Gehens, des Sprechens bis zum Verstummen (wie wunderbar lebhaft und beschwingt hatte er erzählt). Schreiben von Kommunikationszetteln, zunächst in der gewohnten, wie gestochenen Handschrift, die mit der Zeit immer krakeliger wurde, bis hin zur Unlesbarkeit. Der Not gehorchend dann das Akzeptieren der vehement abgelehnten Computer, Verbindung zur Aussenwelt via Notebook und Tablet. Bis zum Ende immer da: der unbedingte Wille zur Selbstbestimmung. Ohne eine Gruppe ausserordentlich motivierter Helfer hätte Janett sich nicht bis zum Ende in seinem Zuhause halten können.

Mühsam und unbeugsam reiste er weiterhin zu Ausstellungen, widmete sich dem Ordnen des umfangreichen Nachlasses, gestaltete die vielfältigen Schenkungen des Erkers, arbeitete mit an der Gestaltung der Stiftung Franz Larese und Jürg Janett. «Bin tief dankbar für alles, was mir noch möglich ist.» (Brief vom 5. 11. 2006) Wenn man ihn traf, der Eindruck: Alles hatte sich geändert. Nichts hatte sich geändert. Bis unmittelbar vor seinem Tod der Wechsel von Aufbruch und Zurückgeworfensein; nach einer beglückenden Erfahrung die Nachricht «Freude herrscht»; nicht lange danach, nach einem schweren Zusammenbruch: «Freude herrscht nicht mehr». Aber Freude ist das, was in Erinnerung bleibt.

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