KLIMA: Der Zuckmücke sei Dank

Temperaturen lassen sich dank Pollen Jahrtausende zurückverfolgen. Der Berner Forscher Oliver Heiri macht das jetzt auch mit fossilen Skeletten von Zuckmücken, die in Seesedimenten eingelagert sind.

Bruno Knellwolf
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Von einer Bohrplattform aus wird ein Sedimentkern entnommen. (Bild: Oliver Heiri, Universität Bern)

Von einer Bohrplattform aus wird ein Sedimentkern entnommen. (Bild: Oliver Heiri, Universität Bern)

Bruno Knellwolf

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@tagblatt.ch

Oliver Heiri ist Biologe und Paläoökologe, weshalb er sich seit Jahren mit der Rekonstruktion der Klimavergangenheit befasst. Nur wer die Klimageschichte nachzeichnen kann, ist in der Lage, Modelle zu erstellen, welche uns helfen, die Zukunft unseres Klimas vorauszusagen. Messdaten zum Klima existieren aber erst seit rund 150 Jahren, deshalb muss die Klimavergangenheit mit anderen Methoden rekons­truiert werden. Die Wissenschaft macht das mit Indikatoren, mit deren Hilfe sich die Temperaturen indirekt über Jahrtausende nachvollziehen lassen.

Forscher benutzen dazu gerne Pollen, «die in Seesedimenten gut erhalten bleiben», wie Heiri sagt. Aus der Zusammensetzung des Blütenstaubs lässt sich ableiten, welche Pflanzenarten an einem bestimmten Standort stark verbreitet waren. Da der Biologe weiss, bei welchen Temperaturen gewisse Pflanzen gedeihen, lässt sich so auf vergangene Temperaturen schliessen.

Mit solchen Pollenanalysen von Weisstannen in Italien hat man die Sommertemperaturen im nördlichen Mittelmeergebiet bestimmt. Heraus kam eine überdurchschnittlich kalte Phase vor 9000 bis 5000 Jahren im mittleren Holozän. Dummerweise zeigten andere Modelle wärmere Temperaturen zu dieser Zeit. Eine Diskrepanz. Nun kommt wieder Oliver Heiri vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung an der Universität Bern ins Spiel. Der Wissenschafter sucht in Seesedimenten nicht nach Pollen, sondern nach fossilen Zuckmücken (Chironomiden) und untersucht die chitinhaltigen Köpfe der Larven. «Zuckmücken werden gebraucht, weil sie eine sehr diverse Organismengruppe sind mit vielen Arten und weil sie leicht fossilieren und dann häufig in Seesedimenten zu finden sind», sagt Heiri. So sind Zuckmücken bekannte Umweltindikatoren – in der Gegenwart wie in der Vergangenheit. Gesucht hat er in Sedimentkernen aus zwei Seen im Apennin, der klimatisch repräsentativ ist für den nördlichen Mittelmeerraum. Mittels der Zuckmücken zeigte sich, dass es so warm war, wie die Klimamodelle gezeigt hatten, und nicht so kalt, wie die Pollen ausgesagt hatten. Die Verbreitung von Pollen hänge eben nicht nur mit der Temperatur, sondern auch mit Feuchtigkeit, früher Landwirtschaft und Feuer zusammen. Die Pollenmethode funktioniere, aber nicht überall. In anderen geographischen Gebieten und Zeiträumen sei die Methode aussagekräftig, sagt Heiri. Ihre Arbeit zeige aber, dass auch neue Methoden entwickelt werden müssten.

Heiri bestimmt nicht nur die Verbreitung der Zuckmücken-Arten. Mit chemischen Untersuchungen der Skelette kann er auch Informationen zum Methanhaushalt von Seen in der Vergangenheit gewinnen, was für die Klimaforschung von grosser Bedeutung ist, weil Seen wichtige Quellen des Treibhausgases sind.

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