Kleintheater Parfin de Siecle entdeckt Alfred Polgar

Das St. Galler Kleintheater Parfin de Siècle bringt Alfred Polgars Texte kurzweilig auf die Bühne. Der Wiener Autor beschrieb mit spitzer Feder das Weltgeschehen genauso treffend wie Zwischenmenschliches. Das Leben spielt zwischen den Zeilen.

Mirjam Bächtold
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Regine Weingart, Matthias Flückiger und Pia Weibel in einer Szene von Alfred Polgar. (Bild: Michel Canonica)

Regine Weingart, Matthias Flückiger und Pia Weibel in einer Szene von Alfred Polgar. (Bild: Michel Canonica)

Ein Paar in einem Park: Um nicht zu streiten, schweigen sie. Als der Mann doch ein «So» wagt, wirft ihm die Frau vor, ihrer überdrüssig zu sein. Um sich schnell wieder zu versöhnen, reden sie über Unverfängliches. Drei Mal wird das Essen zum Thema als Friedensangebot. «Wie ist der Appetit?», fragt der Mann die Frau. «Vergangen ... Aber ich werde essen», sagt die Frau diplomatisch. Alfred Polgar schafft es, ohne es zu schreiben, alles zu sagen. Zwischen den Zeilen ist der Wiener Autor ein Meister. Seine Sprache, seine lakonischen und treffend beobachteten Kurztexte hat das Theater Parfin de Siècle ins Zentrum gestellt und sie unter der Regie von Arnim Halter szenisch dargestellt. Regine Weingart, Pia Waibel und Matthias Flückiger übernehmen alternierend die Rolle des Erzählers, während die anderen zwei spielen. Am Samstag war Premiere.

Die drei kommen über dem Bier ins Grübeln. (Bild: Michel Canonica)

Die drei kommen über dem Bier ins Grübeln. (Bild: Michel Canonica)

Dem Ernst mit Augenzwinkern begegnen

Alfred Polgar (1873–1955) schrieb unter anderem Theaterkritiken für verschiedene Zeitungen und Prosastücke für die Bühne. Für den Abend im Parfin de Siècle mit dem Titel «Man muss höher zielen, als man treffen will» hat Arnim Halter aber nicht Polgars Bühnentexte, sondern dessen Kürzestprosa verwendet. Das Spiel der drei Darsteller ist kein üppig ausgestattetes Theater, die Rollen oft nur angedeutet. Durch Pantomimen und übertriebene Gestik und Mimik erhält es etwas Slapstickartiges. Etwa wenn das Ehepaar durch den Park wackelt wie Pinguine oder die Darsteller genau das ausführen, was der Erzähler Sekunden zuvor gesagt hat. Was sonst zu dick aufgetragen wirken würde, passt zu Polgars Texten sehr gut, verleiht ihnen etwas Leichtfüssiges. Selbst die grossen Themen über die Katastrophen in der Welt beschreibt Polgar nicht mit harschen Worten, sondern hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Da trinken «die guten Menschen guten Wein» und sehen von einem Balkon über den «kleinen europäischen See bis nach Südafrika, wo ihnen in blühenden Kupferminen die Dividenden reifen.» Sie sehen den «putzigen, lieblichen Zug», der aus der Ferne betrachtet an Spielzeug erinnert. Sie beobachten, wie er mit einem andern Zug zusammenprallt und starren zum Schauplatz der Katastrophe. «Man stellte sich vor: Tote und Verstümmelte, aber, gottlob, man sah sie nicht.» Die drei Darsteller nippen an ihren Weingläsern. Das humoreske Spiel nähert sich den kritischen Texten mit einem Augenzwinkern und Schalk.

Regisseur Arnim Halter. (Bild: Michel Canonica)

Regisseur Arnim Halter. (Bild: Michel Canonica)

Wie man Mücken zu Elefanten macht

Alfred Polgar schildert mit seiner ausgeprägten Beobachtungsgabe auch Alltagsszenen, die er in scharfzüngigen Dialogen auf den Punkt bringt. Er beschreibt Situationen, die jeder kennt, etwa das Sich-hinein-Steigern in eine Sache oder wie man aus einer Mücke einen Elefanten macht. Im Parfin de Siècle übernimmt Matthias Flückiger oft die Rolle des Zweiflers, des Bilderbuch-Pessimisten oder des feigen Würstchens von einem Mann. Wenn die Frau ihm beim Gehen wünscht: «Unterhalte dich gut», so stellt er das in Frage. Das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen, bis das «Unterhalte dich gut» zu einem hinterhältigen «Mein Leid stehe zwischen dir und der Freude. Meine Träne falle in dein Bier» wird. Mit Polgars Texten hat das Kleintheater ins Schwarze getroffen. Ein Abend feinster Satire wird hier geboten. Der lange Applaus und die Bravorufe waren verdient.

Hinweis Weitere Vorstellungen bis 7.4.