Schweizer Kleinkünstler kämpfen wegen des Corona-Virus ums Überleben

Sollte der Bund das Veranstaltungsverbot neu auf 300 Personen begrenzen, brauchen die Kulturschaffenden neue Überlebensstrategien.

Julia Stephan
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Poetry Slammer und Kabarettist Valerio Moser mit Schutzbrille. (Foto: Gina Walter)

Poetry Slammer und Kabarettist Valerio Moser mit Schutzbrille. (Foto: Gina Walter)

«Die Konzertsäle sind leer, gemeinsames Hören und Erleben von Musik ist nicht möglich. Das ist traurig, jedoch notwendig. Und gut so. Trotzdem möchte ich Musik weiter mit Euch teilen. Hören, erleben». So kündete der deutsch-russische Pianist Igor Levit gestern auf Twitter sein Livestream-Hauskonzert an. Er ist nicht der einzige, der nach Alternativen sucht, um das kulturelle Leben irgendwie am Laufen zu halten. Slammer mit Erkältungssymptomen schalten sich auf der Bühne per Video zu. Und im Theater sind Videoübertragungen, wie sie die Bayrische Staatsoper schon länger anbietet, plötzlich wieder ein Thema.

Trotz sozialer Distanznahme zum Publikum hat es den einen oder anderen Künstler schon erwischt: Wegen einer Erkrankung im Orchester hat das Tonhalle Orchester Zürich sämtliche Veranstaltungen abgesagt. Der Präsident des Filmfestivals Locarno, Marco Solari (75), liegt mit einer Coronainfektion in einem Tessiner Spital. Sein Zustand ist stabil. Auch Tom Hanks und seine Frau, die Schauspielerin Rita Wilson, wurden positiv auf Covid-19 getestet.

Freischaffende Künstler haben das Nachsehen

Wenn der Bund tatsächlich, wie diesen Freitag erwartet wird, die Obergrenze für Veranstaltungen von 1000 auf 300 herabsenken sollte, wird sich die Situation vor allem für kommerzielle Veranstalter sowie für freischaffende Künstler massiv verschärfen.

Dem Slammer, Moderator und Kabarettist Valerio Moser wurden bereits mehrere einkommensrelevante Events abgesagt, ohne Entschädigung und ohne Verschiebedatum. Auch die Akquise neuer Engagements in den Sommermonaten sei schwierig geworden, sagt er. Veranstalter seien verunsichert und wollten keine festen Zusagen mehr machen. «Da es in der Kleinkunst bei kleineren Engagements oftmals üblich ist, vertragslos zu arbeiten, kann ich da auch nicht mit Ausfallhonoraren rechnen», so Moser.

Das Casinotheater Winterthur mit 350 Plätzen kommt als eines der wenigen Schweizer Theater ohne öffentliche Subventionen aus. Auf Ticketeinnahmen ist man angewiesen. Bei einer Verschärfung der Auflagen will man den Verkauf sperren, um auch vor halb vollem Saal spielen zu können und Veranstaltungen verschieben. «Auch ein Livestream wird geprüft», sagt der Geschäftsführer Beat Imhof. «Wir klären derzeit mit den Künstlern die Möglichkeiten.» Sollte sich die Situation verschärfen, wolle man Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Zudem habe das Casinotheater das Glück, eine Epidemieversicherung abgeschlossen zu haben, die einen Teil der Ausfälle deckt.

Gestern sind die Vertreter der Kulturschaffenden und der Veranstalterbranche beim Bund vorstellig geworden. Sie forderten gemeinsam eine temporäre Arbeitslosenversicherung, unkomplizierten Zugang zu Kurzarbeit, Kompensation für ausgefallene Veranstaltungen und eine Notfallkasse für existenziell bedrohte Kulturschaffende und Betriebe.