KLEINKUNST: Gut gelaunte Kellermäuse

Kein anderes Land in Europa besitzt eine derart dichte Kleinkunstszene wie die Schweiz. Dieses Wochenende trifft sich die Branche in Thun zur grossen Künstlerbörse. Gastkanton ist St. Gallen. Wir fragen nach, wie es um die verkleinerte Kunst steht und wie man überlebt als Kleinkünstler.

Katja Fischer De Santi
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Aus wenig viel machen: Eine Bühne, ein Stuhl, und die Kleinkunst legt los, zum Beispiel in Häggenschwil. (Bild: Urs Bucher)

Aus wenig viel machen: Eine Bühne, ein Stuhl, und die Kleinkunst legt los, zum Beispiel in Häggenschwil. (Bild: Urs Bucher)

Aus der ganzen Schweiz, reisen sie an: Clowns und Kabarettisten, Liedermacher, Tänzer, Puppenspieler, Akrobaten, Poeten, Slammer und Jongleure. 340 an der Zahl, ein bunter Haufen, witzig, dramatisch, musikalisch, akrobatisch. Was sie vereint: Man trifft sie auf den kleinsten Bühnen dieses Landes, in umgebauten Kellern, Kulturräumen und Gemeindesälen. Kleinkünstler: Das sind Künstler, die im Kleinen Grosses tun. Dieses Wochenende treffen sie sich in Thun an der 52. Schweizer Künstlerbörse von Freitag bis Sonntag (siehe Kasten). Präsentieren sich, hoffen, dass sie gefallen, dass sie engagiert werden.

Mehr Besucher als die Theater

Die Chancen stehen nicht schlecht: Kein anderes Land in Europa besitzt eine derart dichte Kleinkunstszene wie die Schweiz. Die in den 1950er-Jahren als Alternative zu den konservativen Stadttheatern entstandenen kleinen und kleinsten Bühnen sind die eigentliche Triebkraft des schweizerischen Bühnenlebens. Stefanie Glaser und Walter Roderer wurden in der Kabarettszene gross. Alfred Rasser als HD Läppli ist bis heute legendär, Mani Matter, Clown Pic und Emil sind zum Schweizer Kultur- und Exportgut geworden.

1,7 Millionen Schweizer besuchen jährlich eine Vorstellung der geschätzten 600 Kleinkünstler. Das heisst konkret, dass die rund 350 Kleintheater, die grösstenteils nur dank Freiwilligenarbeit überleben, mehr Zuschauer anziehen als die grossen Theater. Die Kleinen sind in Wahrheit die Grossen. Bei der Verteilung der Kulturmillionen müssen sie trotzdem hintanstehen. Wie eine Umfrage des KTV (Vereinigung KünstlerInnen-Theater-VeranstalterInnen) ergab, deckt die staatliche Kulturförderung nur etwa einen Drittel der 40 Millionen Franken, die alljährlich bei über 11 000 Veranstaltungen in der Schweizer Kleinkunstszene umgesetzt werden. Mehr als ein paar Brosamen fallen nicht ab. Es ist eben doch «nur» Kleinkunst.

«Das habe ich selbst gemacht»

«Kleinkunst ist eines der dümmsten Wörter überhaupt», sagt Peter Bissegger. Der Mann muss es wissen. Er ist schliesslich der Präsident der im KTV organisierten Kleinkünstler. «Wer sich selber klein macht, muss sich nicht wundern, dass er dann auch verniedlicht wird», sagt Bissegger. Aber eben: Es gebe einfach keinen besseren Begriff, der diesen bunten Haufen zusammenfassen könne. Die Definition von Franz Hohler gefällt Bissegger besser: «Das habe ich selbst gemacht.»

Sich selbst durchschlagen, alleine von Dorf zu Kaff ziehen, sich selbst schminken, die Bühne herrichten und meist auch selbst wieder alles abbauen: Wer als Kleinkünstler in der Schweiz überleben will und nicht gerade Ursus und Nadeschkin oder Joachim Rittmeyer heisst, der darf nicht bequem sein. Der Kampf ums Überleben begleitet die Szene seit Anbeginn.

«Klar fehlt das Geld an allen Ecken und Enden, aber es wird besser», sagt Peter Bissegger. Heute beteiligten sich alle Kantone an der Künstlerbörse, bekämen Kleinkünstler Förderungsbeiträge, und selbst das Bundesamt für Kultur begreife langsam, dass es da noch mehr gebe als Film und Theater. Schon hundertfach sei die Kleinkunst totgeschrieben worden. Doch sie hat ihre Kritiker überlebt. Weil immer wieder Neues auftaucht, neue Formen gefunden werden.

Slammer: Die jungen Wilden

Zum Beispiel Poetry Slam. Obwohl das so gar nicht geplant war. Die jungen Wortakrobaten wollten sich als neue Literaturgattung etablieren. Doch ihre Auftritte, schnell, witzig, laut, provozierend, improvisiert, fanden schnell den Weg auf die Kleinkunstbühnen.

Einer, der ziemlich häufig auf diesen Brettern anzutreffen ist, ist Renato Kaiser. Der 25jährige Goldacher, als Slammer und Wortpoet gross und bekannt geworden, tourt seit eineinhalb Jahren mit seinem ersten Soloprogramm durchs Land. Der Übergang vom Slammer, der für etwas Applaus und eine Flasche Absinth auf die Bühne geht, zum Kleinkünstler mit Agentur, Programm und Agenda ist ihm leicht gefallen. Die Anfragen, ob er nicht auch alleine auftrete, an Schulen, Firmenanlässen, Geburtstagen, hätten sich gehäuft. Der Schritt zu einem Soloprogramm sei dann nur noch ein kleiner gewesen. Grösser schon die Umstellung, dass er nun plötzlich bezahlt wird für das, was er am liebsten tut: mit Wörtern jonglieren. «Es ist seltsam, wenn die eigene Wertigkeit so konkret über Geld definiert wird», sagt Kaiser.

Firmenjubiläen und grosse Säle

Ob er sich verkauft vorkommt, wenn er an Firmenjubiläen und Parteiversammlungen auftreten muss? «Ich muss ja nicht, ich will», gibt Kaiser zurück. Trotzdem unterscheidet auch er zwischen «Geldauftritten», meist für geschlossene Gesellschaften, «Prestigeauftritten» auf grossen Bühnen und «Spasssachen» wie Poetry Slams, bei denen er sich mit der Szene trifft. «Wichtig ist mir, dass ich überall mein Zeug machen kann, dass ich meine Texte vortrage und mir nicht für irgendeinen Auftraggeber die Zunge verrenken muss.»

So pendelt Kaiser zwischen Zürich und Liestal, zwischen Bern, Berlin, Rorschach und absolviert pro Woche rund vier Auftritte. Damit gehört das Jungtalent zu den Vielbeschäftigten der Kleinkunstszene. «Ich kann all meine Rechnungen mit den Gagen bezahlen, das ist schon viel.» Sein Studium in Fribourg leidet zwar gerade sehr darunter, aber er will «die Gunst der Stunde nutzen».

Blühender Osten

Er ist nicht der einzige und nicht der einzige aus der Ostschweiz. «Da kommt ein kreativer Schub aus dem Osten», sagt KTV-Präsident Bissegger. Vorneweg reitet zurzeit der St. Galler Liedermacher Manuel Stahlberger. Nicht nur, aber auch deshalb ist St. Gallen dieses Jahr Gastkanton an der Thuner Künstlerbörse und bestreitet ein eigenes Programm. «Ein neues Vorbild wie Stahlberger kann in einer Region viel bewirken», ist Bissegger überzeugt.

Als Vorbild würden Thomaten und Beeren alias Ben Stokvis und Thomas Kuratli Manuel Stahlberger nicht bezeichnen. «Er ist viel zu gut.» Aber ein Mentor ist er für die beiden Rorschacher Jungspunde mit ihrem Rumpelkammerpop voller komischer Texte bestimmt. Er hat dem Duo einen Manager verschafft und zum einen oder anderen Auftritt verholfen und schleppt die beiden «Künstler aus Zufall» nun auch mit an die Künstlerbörse Thun. Sie freuen sich darauf. Ihr derzeitiger Erfolg sei eigentlich unbeabsichtigt, «aber jetzt wollen wir mehr davon», sagt Ben Stokvis. Das könnte in Thun durchaus gelingen.

Klein sein, gross werden

Schliesslich ist die Künstlerbörse ein Ort, an dem immer wieder der Grundstein für Karrieren gelegt wurde. So habe die Rheintaler Clownin Gardi Hutter einst in Thun auf sich aufmerksam gemacht, erzählt Peter Bissegger. Und Harald Schmidt legte an einer der ersten Künstlerbörsen einen derart begeisternden Auftritt hin, dass sich danach die Veranstalter buchstäblich um ihn rissen. Selbst Gruppen wie Mummenschanz, die man heute in der Schweiz fast nicht mehr zu sehen bekommt, haben einst in Thun auf der Bühne gestanden. Und beweisen, dass nicht alles, was sich zum Kleinsein bekennt, auch klein bleiben muss.

Peter Bissegger, Martin Hauzenberger, Manfred Veraguth: Grosse Schweizer Kleinkunst, Rüffer & Rub, Zürich 2010, Fr. 48.-.

Slammer: Renato Kaiser. (Bilder: pd)

Slammer: Renato Kaiser. (Bilder: pd)

Poplümmel: Thomaten und Beeren.

Poplümmel: Thomaten und Beeren.

Puppenspielerin: Kathrin Bosshard.

Puppenspielerin: Kathrin Bosshard.