Kleiner Roman löst grosse Entrüstung aus

In Takis Würgers Roman «Stella» verliebt sich ein Schweizer im Berlin des Zweiten Weltkriegs in eine Jüdin, die mit den Nazis kollaboriert. Viele Kritiker sind empört.

Arno Renggli
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«Kitsch», «Peinlichkeit», gar «Machwerk der übleren Sorte»: So etwa prasselt dieser Tage die Kritik der deutschsprachigen Feuilletonisten auf den kleinen Roman «Stella» nieder. Dem 33-jährigen deutschen Autor ­Takis Würger und dem Hanser Verlag unterstellt man einen leichtfertigen Umgang mit dem Thema ­Holocaust, auf dessen Kosten Profilierung angestrebt werde.

Takis Würger, Schriftsteller und Journalist. (KEYSTONE/Niklaus Stauss)

Takis Würger, Schriftsteller und Journalist. (KEYSTONE/Niklaus Stauss)

Darum geht es in «Stella»: Ein junger, des Lebens noch unkundiger Schweizer aus gutem Haus reist 1942 nach Berlin, um das dortige Kultur- und Nacht­leben kennen zu lernen. Der Weltkrieg tobt, doch die Wende zu Ungunsten der Nazis zeichnet sich noch nicht klar ab. Der Jüngling lernt eine Jüdin kennen, die ihn fasziniert, und gerät in eine Liaison. Allmählich realisiert er, dass diese Stella mit den Nazis kollaboriert, um sich und ihre Familie zu retten. Und darum untergetauchte andere Juden denunziert.

Titelfigur hat realen Hintergrund

Stella Goldschlag hat es wirklich gegeben. Nach dem Krieg wurde ihr mehrmals der Prozess gemacht, sie sass auch Haftstrafen ab. Der Roman versucht den authentischen Anstrich noch zu erhöhen, indem er regelmässig historische Fakten im Kontext des Weltkriegs sowie trockene Verhaftungsprotokolle von Juden einflicht, die wohl von Stella verraten worden sind. Diese Einschübe wirken mit der Zeit erzählerisch etwas schwerfällig.

Die Entrüstung der Kritiker mag daherkommen, dass ein junger Autor mit relativ einfachen literarischen Mitteln und eher knapp eine Geschichte erzählt, die den Holocaust als Hintergrund hat. Und sie kommen zum Schluss, dass dies dem schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte nicht gerecht wird. Doch kann dies überhaupt ein Roman? Die Fragen sind vielmehr: Verharmlost der Roman etwas? Und erzählt er nichts Interessantes?

Beides kann man verneinen. «Stella» thematisiert den Holocaust zwar weniger in seiner ganzen Dimension als vielmehr an einzelnen Beispielen. Und gerade die bürokratische Nüchternheit, in der das geschieht, weist auf die eiskalte Tötungsmaschinerie der Nazis. Niemand wird nach der Lektüre den Eindruck haben, das Geschehene sei doch gar nicht so schlimm gewesen.

Überlebenstrieb führt in moralischen Abgrund

Und Interessantes hat der Roman durchaus zu bieten: Die Titelfigur zeigt eine lebensfrohe Frau, die aus Überlebenstrieb zur Täterin wird. Sie kann damit für viele stehen, welche damals in moralische Grauzonen oder Abgründe gerieten, welche aus heutiger Sicht kaum fair zu beurteilen sind. Der Autor unterlässt jedenfalls eine Rechtfertigung von Stellas Tun.

Auch die Naivität und Schwäche des jungen Schweizers mag typisch gewesen sein für damals. Sein Dilemma zwischen Liebe und dem allmählichen Wissen, was sich Stella zuschulden kommen lässt, ist nachvollziehbar, sein hilfloses Bemühen um die ihm in vielen Belangen überlegene Geliebte anrührend.

Ein dubioser Freund

Spannend ist etwa auch ein dubioser Freund des Paares, ein homophiler Genussmensch, der sich nachgerade als Vorzeige-­Nazi entpuppt, ohne dass ihn dies dann retten würde. Diese Figur zeigt, dass auch die damaligen Täter teils kultivierte Menschen sein konnten, die sich dann aber für das Böse entschieden.

Insgesamt mag der Roman keine grosse Literatur sein. Und in den Formulierungen ist dem Autor wohl die eine oder andere Binsenwahrheit entschlüpft. Aber ein Skandalbuch? Da muss man nicht in den Chor der Kritiker einstimmen. Der Roman ist eher schlicht und lesernah erzählt, hat seine Schwächen, vermag aber durchaus zu berühren und gedanklich anzuregen.

Takis Würger: Stella. Hanser, 224 S., Fr. 29.–