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Kleine Welten, grosse Gefühle

Der 42jährige Christoph Simon ist Schriftsteller und neuer Schweizer Meister im Poetry-Slam. Das nächste grosse Ziel des Berners: Mit einem Soloprogramm die Kleinkunstbühnen des Landes erkunden.
Lukas G. Dumelin
Soloprogramm statt Meisterschaft: Christoph Simon weiss, was er will – und was nicht. (Bild: pd)

Soloprogramm statt Meisterschaft: Christoph Simon weiss, was er will – und was nicht. (Bild: pd)

Am Morgen danach ruft Christoph Simon seine Kinder an, die bei der Grossmutter übernachtet haben. Neun, sieben und vier Jahre alt sind sie, und nun «mööggen» sie ins Telefon, wie Simon auf Berndeutsch sagt, sie jubeln und schreien: «Schweizer Meister, Schweizer Meister, Papi ist Schweizer Meister!»

Mit einem Text über das Glück hat Simon im September an den Poetry-Slam-Meisterschaften in Basel abgeräumt. Einen Monat später sagt er im Gespräch, er habe bewusst auf die Meisterschaften hingearbeitet. Weil er ahnte, dass mit drei guten Texten alles drinliegt. Und so war's: Als erster Berner hat er den Titel geholt. Dank humorvoll-hintersinnigen Texten, denen man anmerkt, was Simon eigentlich ist: Schriftsteller.

Kaffee, kiffen, wunderbar

Normalerweise kommen Slammer über die Bühne zur Literatur. Bei Simon ist es umgekehrt: Er kommt von der Literatur zum Slam. 2001 ist sein Erstling erschienen, «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen». Franz Obrist, der Ich-Erzähler, will Gymnasiast bleiben, am liebsten auf ewig. Sein Kampf gegen das Erwachsenwerden ist so komisch wie absurd, weil ausgerechnet ein junger Mensch, dem alles offen steht, lieber zurückschaut. Wie behaglich das Leben am Gymi bisher gewesen ist: Kaffee trinken, kiffen, bisschen verliebt sein, wunderbar. Der Blick zurück in die Vergangenheit, das Zuhausesein in einer eigenen Welt, die sich bestens schönreden lässt – das verbindet die Protagonisten in Simons Geschichten.

Die Liebe des alten Mannes

Neun Jahre nach dem Erstling ist «Spaziergänger Zbinden» erschienen, Simons grösster Erfolg bisher. Im sorgsam komponierten Roman erzählt Altersheimbewohner Zbinden dem Zivildienstleistenden, der ihn an die frische Luft begleitet, seine Lebensgeschichte. Der Roman ist ein Lob aufs Spazieren – und eine Hymne an die grosse Liebe, die irgendwann todkrank neben Zbinden im Bett liegt und die Augen für immer schliesst: Emilie heisst sie.

Christoph Simon, der nach der Matura eine Jazz-Schule besucht hat und nach einem Intermezzo an der Universität Basel und mehreren Reisen zum Schreiben gekommen ist, beschreibt in dichten Texten die grossen Gefühle in kleinen Welten. Es spielt keine Rolle, ob Kolumnen, Romane oder Slam-Texte – seine Themen, sagt Simon, seien stets dieselben: Liebe, Freude, Mut, Zuversicht. Gepaart mit Schalk resultieren Texte, die unterhalten und zum Nachdenken anregen.

Wann ist es Glück?

Das ist eine gute Voraussetzung für die Slam-Bühnen, auf die Simon seit zwei Jahren steigt. Sein Alter ist sein Vorteil: Er bringt grosse Erfahrung im kritischen Umgang mit eigenen Texten mit. Im Siegertext von Basel heisst es: «Glück ist, wenn man mit Menschen, mit denen man absolut nichts zu tun haben will, auch tatsächlich nichts zu tun hat.» Das ist lustig, aber illusorisch. Ob in der Familie, in der Schule oder im Job: Wir können Mitmenschen selten auswählen. Wir ahnen, dass dieses Glück unerreichbar ist, und so schlägt der Witz um in Melancholie.

Ende Oktober könnte Simon an den 18. deutschsprachigen Meisterschaften (siehe Kasten) teilnehmen. Er aber verzichtet. «Ich habe keine Zeit», sagt er. Und kämen danach noch mehr Anfragen von deutschen Poetry-Slam-Organisatoren, müsste er absagen. Hundert Euro Spesen, stundenlange Zugfahrten, drei Kinder zu Hause, das lohne sich nicht. «Darum überlasse ich meinen Platz lieber andern, die diese Plattform nutzen können.»

Die Bühnen erkunden

Er verzichtet auch, weil er einen Traum hat – und einen wichtigen Auftritt. Mit einem Soloprogramm will er die Kleinkunstbühnen des Landes erkunden. In Winterthur stellt er am 30. Oktober sein erstes Programm erstmals vor. «Wahre Freunde» handelt von einem Konfilager in den 80ern, von der ersten WG in den 90ern, von Liebeskummer und von Freundschaften, die darüber hinweghelfen. Simon hält fest an den grossen Themen, an der Erkundung des Mikrokosmos des Zusammenlebens – und an der ewig währenden Suche nach Frieden mit sich selbst.

Kein Erziehungsmittel

Dass er auf Slam-Bühnen vieles ausprobiert habe, komme ihm beim Soloprogramm zugute. «Oft habe ich Angst gehabt, dass ich die Ambition, Künstler zu sein, verlieren werde, wenn ich eine Familie habe», sagt Simon. Das habe sich als Irrtum herausgestellt. Wie im übrigen die Annahme, der Schweizer-Meister-Titel sei ein gutes Erziehungsmittel. Der Sieg hätte seine Kinder zwar gefreut, doch sage er ihnen, der Schweizer Meister wolle, dass sie sofort das Pyjama anzögen – ja, dann nütze so ein Titel leider herzlich wenig.

Christoph Simon live: Do, 30.10., Gasthaus Schlosshalde, Winterthur, 20 Uhr. Platzreservation erwünscht.

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