Kleine Fassung, grosse Bühne: Die Bregenzer «Festtage im Festspielhaus» wagen mit «Impresario Dotcom» trotz Corona eine Opern-Uraufführung

Als Kammerspiel im Theater am Kornmarkt war Lubica Cekovskas Auftragswerk «Impresario Dotcom» bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen geplant. Zur Uraufführung kam am Donnerstag nun eine gestraffte Version, coronakomplatibel inszeniert von Elisabeth Stöppler. Sie wird freilich nur zweimal gespielt - und ist ein eher schwacher Trost für alles Abgesagte.

Bettina Kugler
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Sie will nur singen: Olympia (Eva Bodorová) in Lubica Cekovskas Opernkomödie «Impresario Dotcom» im Festspielhaus Bregenz.

Sie will nur singen: Olympia (Eva Bodorová) in Lubica Cekovskas Opernkomödie «Impresario Dotcom» im Festspielhaus Bregenz.

Bild: Monika Forster

Orfeo hat keinen Job, Tamino und Carmen geht es nicht besser – dabei sind sie felsenfest davon überzeugt, auf der Bühne unschlagbar zu sein. Korrekterweise muss man hinzufügen: natürlich nicht Orfeo selbst, der sagenumwobene Sänger, auch nicht die wilde Zigeunerin Carmen aus der gleichnamigen Oper – in der Tabakfabrik fände sie vielleicht noch Arbeit. Doch die Sänger, die im von Neid und Konkurrenz dominierten Theaterbetrieb mit ihren Paraderollen verwachsen sind und sich in schlechten Zeiten mit tragikomischer Verzweiflung an sie klammern, brauchen dringend ein Engagement. Um jeden Preis; Geschmack und Feinsinn spielen nicht einmal eine Nebenrolle.

Das ist der Plot in Carlo Goldonis Komödie «Der Impresario von Smyrna» , einer Parodie auf den Opernzirkus und seinen Marktplatz der Eitelkeiten, geschrieben 1759 – die Zeiten waren da keineswegs besser; das Stück wirkt frisch, als spiele es auf der Hinterbühne eines heutigen Dreispartenhauses. Es verwundert also nicht, dass die slowakische Komponistin Lubica Cekovska Goldonis Commedia als Vorlage für eine zeitgenössische Betriebssatire nutzt: Im Auftrag der Bregenzer Festspiele und in Kooperation mit dem Slowakischen Nationaltheater Bratislava hat sie die Opera buffa «Impresario Dotcom» geschrieben.

Singen – eine Sache auf Leben und Tod

Das Werk sollte an den diesjährigen Bregenzer Festspielen in vollständiger Version uraufgeführt werden – dann aber kam die Pandemie, es kam das Abwarten und Bangen, schliesslich die Absage der Festspiele als Grossveranstaltung und als Gesamtpaket. Die Opern-Uraufführung hat nun tatsächlich stattgefunden, im Rahmen der siebentägigen Mini-Festspiele am See. Im Festspielhaus statt auf der Bühne des wesentlich kleineren Kornmarkttheaters, vor grosszügig platziertem Publikum, in gekürzter und an die Abstandsregeln angepasster Form.

Luxussuite? Fehlanzeige: Die Kandidaten des Vorsingens teilen sich in Elisabeth Stöpplers Inszenierung ein bescheidenes «Gemeinschaftsquartier» (Bühne: Hermann Feuchtner).

Luxussuite? Fehlanzeige: Die Kandidaten des Vorsingens teilen sich in Elisabeth Stöpplers Inszenierung ein bescheidenes «Gemeinschaftsquartier» (Bühne: Hermann Feuchtner).

Bild: Karl Forster

Um es vorweg zu nehmen: Die sechs Sängerinnen und Sänger (Christoph Pohl, Hagen Matzeit, Eva Bodorová, Terezia Kruzliaková, Adriana Kucerova und Simeon Esper) machen ihre Sache grossartig. Man spürt, dass sie in den vergangenen Monaten die Härten und Unsicherheiten ihres Berufs noch deutlicher als sonst erlebt haben. Aber auch, dass sie ihn deshalb wohl noch mehr als früher lieben.

«Singen ist eine Sache auf Leben und Tod», heisst es einmal in Goldonis Stück; den Satz hat Librettistin Laura Olivi in «Impresario Dotcom» wörtlich übernommen. Beides schwingt darin mit: der harte Konkurrenzkampf, in dem es nur wenige Stars gibt und viele Hochtalentierte in prekären Verhältnissen. Nicht weniger jedoch die Leidenschaft, mit der die einen wie die anderen für die Kunst brennen.

Ohne Maske und Desinfektionsspray geht's auch auf der Bühne nicht – doch mehr Corona ist in die Auftragsoper der slowakischen Komponistin nicht eingegangen.

Ohne Maske und Desinfektionsspray geht's auch auf der Bühne nicht – doch mehr Corona ist in die Auftragsoper der slowakischen Komponistin nicht eingegangen.

Bild: Monika Forster

Dotcom ist darin eine Art unsichtbarer Gott und Weltenlenker; eine anonyme Instanz von irgendwo, die Künstler castet – und diese müssen für ein Engagement grundsätzlich zu allem bereit sein. Notfalls auch dazu, ihre Arien in einem Bühnenaquarium unter Wasser zu singen: Das ist Casting in Zeiten von Assessments und Dschungelcamps.

Dotcom provoziert die selbstverliebten Sänger

Dotcom tritt jedoch auch in Fleisch und Blut vors Publikum, gleich zu Beginn – als Conférencier und Opernzirkusdirektor, als höheres Prinzip der Kunst, durchaus mit diabolischen Zügen. Jedenfalls stachelt die Tänzerin und Schauspielerin Zeynep Buyrac in dieser Rolle die Selbstverliebten auf der Bühne mächtig an. Sie sollen sich ihren Applaus verdienen, mit mehr als mit den immer gleichen abgeschmackten Posen und Glanznummern.

Lubica Cekovska zitiert diese in ihrer Partitur so boshaft wie genüsslich: Taminos Bildnis-Arie aus der «Zauberflöte» und Carmens «Habanera», die Hits von Violetta, Olympia, Orfeo aus Verdis «Traviata», aus «Hoffmanns Erzählungen» von Offenbach und Glucks «Orfeo ed Euridice» – lauter Schmankerl, die wirklich fast jeder kennt. Aber das schlank besetzte Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Christopher Ward bürstet sie raffiniert gegen den Strich und macht den Möchtegern-Rampenstars das Singen sauer. Gut so, und sehr erfrischend! Darüber hinaus aber läuft die Musik sich leer, geht wenig in die Tiefe.

Theater auf Distanz: Da gibt es nichts zum Festhalten

Die Oper mischt Nabelschau, Sängersatire und Parodie auf den Betrieb mit kritischen Untertönen, sie beisst und macht sich lustig, fordert den Sängerinnen und Sängern und dem Orchester einiges ab, auch Stehvermögen und hellwache Konzentration, und das auf einer sehr grossen, sehr leeren Bühne, auf der sie mit Distanz agieren. Da ist kaum etwas zum Anlehnen, wenig, an dem man sich festhalten könnte: optisch packendes Theater wird daraus leider nicht; die grossen Projektionen auf der Rückwand (Video: Fabio Stoll) ändern wenig daran.

Bleibt die Hoffnung, dass auf die «Fassung für Bregenz 2020» im nächsten Sommer Festspiele folgen, wie man sie kennt: mit grossem Publikum im vollbesetzten Haus und auf der Seetribüne. Mit Masken, die allenfalls als szenisches Mittel auf der Bühne zum Einsatz kommen. Und Inszenierungen, die keine Rücksichten auf ein Virus nehmen müssen.

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