KLAVIERABEND: Grigory Sokolov besteigt einen Berg

Mit Mozart und Beethoven macht der Pianist Station in St. Gallen – und beschenkt das begeisterte Publikum mit sechs Zugaben.

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Die Veranstalter buchen ihn blind, denn sein Programm gibt der russische Weltklassepianist Grigory Sokolov erst nach der Festsetzung der Daten bekannt. Was er dann aber auf seiner jährlichen Tournee nicht nur in den Metropolen, sondern auch in kleineren Städten wie St. Gallen darbietet, ist in mancherlei Hinsicht einzigartig. Und zwar nicht allein deshalb, weil er im Anschluss ans Programm noch drei, vier, fünf – oder wie in St. Gallen sogar sechs Zugaben spielt. Sondern weil seine Interpretationen einem ganz eigenen Kompass folgen. Sokolov macht übrigens auch keine CD-Aufnahmen im Studio: Die Wahrheit liegt für ihn im Livekonzert. Für diesen Montagabend hat Grigory Sokolov in der St. Galler Tonhalle Mozart und Beethoven verbunden. Von Ludwig van Beethoven spielt er im zweiten Teil die zweisätzigen Sonaten in e-Moll op.90 und c-Moll op.111, von Wolfgang Amadeus Mozart, im ersten die Sonate C-Dur KV 545 und Fantasie und Sonate c-Moll KV 475/457.

Nichts ist lieblich, nichts ist arglos elegant

Zwischen den Werken lässt Sokolov nur wenige Sekunden verstreichen. Kein Applaus soll die Konzentration von Interpret und Publikum stören, nichts das Gewebe der musikalischen Bezüge. Geradezu erschreckend deutlich zeigen sich diese im Mozart-Teil. Die C-Dur-Sonate erklingt keineswegs als jenes unbeschwerte Spätwerk, als das man sie vielleicht in Erinnerung hat, sondern ernst und gemessen. Nicht ohne Eleganz, aber doch mit einer grossen Portion Erdenschwere. So ist der Sprung von C-Dur zu c-Moll dann nicht mehr so gross, auch wenn sich in Mozarts Fantasie KV 475 und der anschliessenden Sonate KV 457 noch andere Klüfte auftun, die Sokolov mit drohenden Bässen noch vertieft. Nichts ist lieblich an diesem Werk, nichts arglos elegant. Man spürt: Hier blickt einer ganz wahrhaftig in die eigene Seele. Und so klingt es auch unter Sokolovs Händen. Kraft, Tiefe und Energie prägen sein Spiel auch im Beethoven-Teil, dazu ein genaues Bewusstsein musikalischer Strukturen, und grosses Feingefühl gerade in den Übergängen. Sokolov ist ein Meister des Spannungsvollen, immer wieder entlädt sich sein Spiel in wahren Eruptionen, am markantesten im ersten Satz des Opus 111, Beethovens letzter Sonate, die auch ein Gipfel der Klavierkunst ist. Und wenn Sokolovs Spiel im zweiten Satz lichter und lichter wird, gewinnt man den Eindruck, er sei selber auf dem Weg zu einem Gipfel, und steige höher und höher.

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

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