Klassische Musik kann tödliche Folgen haben

Ein Opernhaus brennt, ein Dramaturg stirbt, Konzertbesucher überleben ein Konzert nicht. Dem Komponisten Marius Brandt, ein Loser-Typ, schwant, dass so viel Mysteriöses nicht Zufall sein kann. Womöglich hat es mit einer alten Notenhandschrift zu tun, die bei ihm gelandet ist.

Martin Preisser
Merken
Drucken
Teilen
Helmut Krausser: Alles ist gut. Berlin Verlag 2015. 240 Seiten, Fr. 28.90

Helmut Krausser: Alles ist gut. Berlin Verlag 2015. 240 Seiten, Fr. 28.90

Ein Opernhaus brennt, ein Dramaturg stirbt, Konzertbesucher überleben ein Konzert nicht. Dem Komponisten Marius Brandt, ein Loser-Typ, schwant, dass so viel Mysteriöses nicht Zufall sein kann. Womöglich hat es mit einer alten Notenhandschrift zu tun, die bei ihm gelandet ist. Aus dieser hat er sich bedient, um seine Kompositionen aufzupeppen.

Musik hat etwas Dämonisches, diesen Erzählfaden verfolgt Helmut Krausser furios und virtuos. Sein neues Buch «Alles ist gut» ist eine hochspannende Mischung aus Mystery-Thriller, Künstler- und Schelmenroman. Krausser lässt seinen Helden gegen die zeitgenössische Musik hetzen, die meist nur «Wegwerfprodukte» produziere. Er lässt ihn ein Hoch auf neue tonale Musik singen und vom «unfassbaren Moment» träumen, «wenn die Musik wieder jene Macht haben wird, die sie einmal gehabt hat».

Neue Musik im Bunker

Wenn Krausser gegen die «Exzesse des deutschen Regietheaters» seine Feder spitzt oder gegen die Donaueschinger Musiktage, dem jährlichen Treffen der Avantgarde, dann macht er das mit fast wütender Leidenschaft. «Etliche Donaueschinger Ultras ziehen lieber die komplette Marginalisierung moderner E-Musik vor, als ein irgendwie tonales Werk gutzuheissen. Hierin gleichen sie Hitler im Bunker, der das deutsche Volk für unwert befand, fürderhin zu existieren.» Krausser teilt aus gegen faule Dramaturgen und einfallslose Intendanten. Süffig liest sich dieser oft bitterböse Rundumschlag gegen den heutigen Musikbetrieb. Das ist grosse Satire, in der auch zwei Dämonen selbst ihr Unwesen treiben. Aber das allein macht noch kein gutes Buch.

Helmut Krausser hat daher eine zweite Geschichte parat und verfolgt den Weg der geheimnisvollen Notenhandschrift vom Barock bis in die Zeit der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg. Im jüdischen Milieu Warschaus wird die Handschrift immer weitergereicht, bis sie schliesslich bei Marius Brandt landet. Geschickt und sprachlich schnell, prall und rasant verknüpft Krausser Geschichte und Gegenwart, immer mit dem roten Faden des Dämonischen in der Musik.

Der Autor kommt ins Spiel

Auf diese beiden Erzählstränge setzt Krausser noch einen drauf: Der Autor kommt als sehr unsympathisch gezeichneter Oligarch selbst ins Spiel und entlarvt den entsetzten Helden als eine von ihm völlig abhängige literarische Kunstfigur. Das ist grosse Klasse, wie mit diesem Kunstgriff auch über die Frage der Urheberschaft von Musik und Kunst geschrieben wird. Und dieses so amüsante wie angenehm rätselhafte Buch ist zudem Eigenwerbung für Helmut Krausser selbst – für seine Musik. Der Autor komponiert selbst Opern, weiss also, wovon er schreibt. Marius Brandt ist Kraussers Alter Ego, aber auch die Figur, die der Autor nach Belieben aus- und einschalten kann.