Klassik
Riesiges CD-Projekt: Wie junge Künstler während Corona auf die Bühne geholt werden

Wie es möglich ist, in der Pandemie junge Solisten zu unterstützen, zeigt die Zürcher Orpheum Stiftung mit einem riesigen Mozartprojekt.

Christian Berzins
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CD-Aufnahme der «Camerata Schweiz» unter der Leitung des Dirigenten Howard Griffiths in der Zürcher Kirche Oberstrass.

CD-Aufnahme der «Camerata Schweiz» unter der Leitung des Dirigenten Howard Griffiths in der Zürcher Kirche Oberstrass.

Katharina Lütscher

Kaum hat das Orchester die ersten Takte wundersam weich geschnurrt, unterbricht eine glasklare Stimme die melancholische Heiterkeit harsch: «Stopp! Ihr spielt langsamer als gestern: nochmals ab Takt 12.» Und siehe da: Die Musikerinnen und Musiker wiederholen das kleine Klangwunder artig, diesmal eine Spur schneller.

Für sie ist das Routine, als Beobachter aber fällt unsereins beim Unterbruch aus dem Siebten Himmel, landet in der Zürcher Kirche Oberstrass hart auf dem Ohr, genoss es letzte Woche zu sehr, endlich wieder mal Livemusik zu hören … Und nein: In Zürich wurde keine schwarze Messe gefeiert, kein illegales Konzert gegeben, dort entstanden CD-Aufnahmen an.

Die glasklare Stimme gehört Tonmeisterin Karola Parry, sie hat das Recht, über den Kopf des Dirigenten hinweg den Daumen hoch oder runterzuhalten. Die Hamburgerin urteilt via Mikrofon aus gesundem Abstand, sitzt sie doch in ihrem mobilen Tonstudio draussen auf dem Kirchenvorplatz: Von dort sieht und hört sie jedes akustische Signal im Detail. Kaum ist das Orchesterschnurren wieder im Gang, bittet die Parry, die Oboen exakter zu spielen: «Cool bleiben, Ruhe bewahren», beruhigt sie und sagt alsbald aufmunternd: «Da ist viel Gutes mit dabei.»

Parry weiss mit Understatement zu spielen. Noch stehen viel zu viele Aufnahme-Sitzungen an, als da die Wahrheit auszusprechen wäre, die da lauten würde: «Das war gut!» Die Camerata Schweiz unter der Leitung des Dirigenten Howard Griffiths spielten Mozarts 1. Violinkonzert wunderbar gelöst, der Geiger Stephen Waarts zeigte sich als Solist mutig verspielt, sogar eigene Kadenzen hat er geschrieben.

Stephen Waarts eröffnete ein Projekt, das nichts weniger als die Aufnahme sämtlicher Instrumentalkonzerten W. A. Mozarts beinhaltet.

Stephen Waarts eröffnete ein Projekt, das nichts weniger als die Aufnahme sämtlicher Instrumentalkonzerten W. A. Mozarts beinhaltet.

Katharina Lütscher

Waarts eröffnete ein Projekt, das nichts weniger als die Aufnahme sämtlicher Instrumentalkonzerten W. A. Mozarts beinhaltet: 34 Werke auf 11 CDs verteilt. Es ist das grösste CD-Projekt in der 30-jährigen Geschichte von Orpheum, eine Stiftung, die sich die Förderung junger Solisten auf die Fahne geschrieben hat (und für das Projekt Geld der «Eppur si muove» zur Verfügung hat). Möglichst viele unterschiedliche Musikerinnen und Musiker sollen drankommen: Drei Hornisten sind für die vier Hornkonzerte ausgesucht, gar fünf Geiger für die fünf Violinkonzerte.

Gefördert wird, wer schon etwas kann

In der ersten Aufnahme-Sitzung von 8 mal 3 Stunden standen Hornist Ivo Dudler (1994), Pianist Can Çakmur (1997) und Stephen Waarts (1996) im Mittelpunkt – alle drei keine No-Names. Doch Orpheum-Geschäftsführer Thomas Pfiffner betont, dass man sich das Wort Solistenförderung auf die Fahne geschrieben hat: «Die Kandidaten müssen auch eine berechtigte Chance auf dem Solistenmarkt haben.» Anders gesagt: Sie müssen bewiesen haben, dass sie solistisch bestehen können.

Howard Griffiths und seine «Camerata Schweiz»im Sommer 2013 mit Mozart.

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Die CD-Idee entstand in der Coronazeit, doch an sich ist sie unabhängig davon. «Es war uns aber wichtig, den Musikern in dieser schwierigen Zeit etwas offerieren zu können», sagt Pfiffner. Er betont, dass die CD-Aufnahmen nicht ein Ersatz für ausgefallen Konzerte seien: Alle Aktivitäten konnten bis jetzt durchgeführt werden. Das letzte Konzert mit Publikum fand am 7. November in Baden statt.

Im Sommer wird Howard Griffiths, langjähriger künstlerischer Leiter der Orpheum-Stiftung, das Projekt in Salzburg mit dem Mozarteum-Orchester fortführen, im Herbst in Wien mit dem Radiosinfonieorchester Wien. Vielleicht kehrt man auch wieder nach Zürich zurück. Hoffentlich aber in einer Zeit, in der es nicht wie ein Wunder wirkt, wenn 30 Leute in einer Kirche Mozart spielen, sondern wenn es wieder prächtiger Normalfall ist.

Die erste CD erscheint bei Alpha Classics im März 2022.