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Klassik Openair St.Gallen: Picknick mit Elster, Walzer im Stehen

Die Earlybirds kamen schon am Nachmittag, abends dann waren es mehr als 2000 Zuhörer beim 19. Klassik-Open-Air des Sinfonieorchesters St. Gallen. Zum Saisonauftakt gab es sinfonische Evergreens und Entdeckungen - und ein urkomisches Moderatorenduo.
Bettina Kugler
Klein-Woodstock vor der Tonhalle: Lange vor der Ouvertüre machte es sich das Publikum schon auf der Wiese gemütlich. Bilder: Hanspeter Schiess

Klein-Woodstock vor der Tonhalle: Lange vor der Ouvertüre machte es sich das Publikum schon auf der Wiese gemütlich. Bilder: Hanspeter Schiess

Sogar Kirill Petrenko macht es: Er geht mit seinen Berliner Philharmonikern zum Auftakt der Saison an die frische Luft. Er setzt das Orchester vors Brandenburger Tor und dirigiert Beethovens Neunte, open air, gratis. Zwar ist die Tonhalle St. Gallen nicht das Brandenburger Tor. Doch was man in Berlin kann, hat hier seit langem Tradition und braucht nicht die grosse sinfonische, symbolträchtige Geste, um reichlich Publikum in den Park zwischen Theater und Talhof zu locken.

Es strömte zum gestrigen 19. Klassik-Open-Air des Sinfonieorchesters St. Gallen unter der Leitung von Chefdirigent Modestas Pitrenas schon lange vor Beginn und liess sich nieder auf der Wiese vor der Tonhalle: entspannt, vorfreudig, ohne Gummistiefel und grüne Tonne wie die Earlybirds im Sittertobel. Traditionell ist im Tonhalle-Park auch die Artenvielfalt grösser. Seniorenpaare trifft man ebenso wie junge Eltern mit schlafendem Baby im Arm oder Teenager auf Picknickdecken, die auf dem Tablet in der Partitur mitlesen. Natürlich auch Stammgäste, die sich für einmal mit einer harten Bierbank unterm Po begnügen, statt ihren gepolsterten Aboplatz indoor anzusteuern.

Evergreens und Entdeckungen

Geboten bekamen sie klassische Musik ohne Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen. Zum einen Ohrwürmer und Evergreens wie Rossinis Ouvertüre zu "Die diebische Elster", gewitzt und pointiert gespielt, ausgewählte Nummern aus Dvoráks "Slawischen Tänzen" mit Verve und süffig schönem Holzbläserklang oder Aram Chatschaturjans "Säbeltanz" (als dritte Zugabe; man lässt sich nicht lumpen). Aber auch Zartes und Lyrisches: Entdeckungen wie der "Melancholische Walzer" des Letten Emils Darzins oder Charles Villiers Stanfords "Irish Rhapsody" Nr. 1. Ganz still wurde es da; das Verkehrsrauschen im Hintergrund kam wie aus einer anderen Welt.

Unter freiem Himmel weckt das Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Chefdirigent Modestas Pitrenas die Lust auf die Tonhalle-Saison.

Unter freiem Himmel weckt das Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Chefdirigent Modestas Pitrenas die Lust auf die Tonhalle-Saison.

Wie aus einer anderen Welt aufs Podium gefallen wirkten auch die zwei Neuen: Anja Tobler und Tobias Graupner, beide Schauspieler am Theater St. Gallen, erstmals Moderatorenduo des Klassik-Open-Airs. Sie verstehen ihr Handwerk, zweifellos. Kaum haben sie sich ins Unvermeidliche gefügt und so spontan, wie es gut vorbereiteten Schauspielern möglich ist, die Moderation übernommen - "Sieht hier nicht irgendjemand Marcus Schäfer und Diana Dengler?" -, schon gehen sie herrlich selbstironisch in ihrer Rolle auf. Irgendwann spielen sie sogar Marcus Schäfer und Diana Dengler: Kollegen dürfen das. Und können es.

Moderatoren wider Willen

Sie sagen nicht brav und betulich Nummer für Nummer an, gewürzt durch die eine oder andere Anekdote oder der kurzen Werbeblock für eines der kommenden Tonhalle-Konzerte. Stattdessen machen sie Standup-Comedy aus dem vermeintlich unfreiwilligen Job. Sie tun so, als seien sie mehr schlecht als recht im Improvisieren und treiben es damit so auf die Spitze, dass man sich immer schon auf ihren nächsten Auftritt freut. Obwohl es doch eigentlich um die Musik geht an diesem noch hochsommerlich warmen Augustabend.

Die freilich läuft wie von selbst. Mit schon vertrauter Lust und Leidenschaft packt Chefdirigent Modestas Pitrenas die gut erholten, aber blendend aufeinander eingestimmten Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters vom ersten leisen Trommelwirbel der Ouvertüre an. Dass er nicht untergeht in Gemurmel und Getöse auf der Wiese, spricht für die Neugier und Indoor-Tauglichkeit des Publikums. Es braucht auch draussen keine Startsignale wie Türen, die geschlossen werden oder einen letzten Gong.

Vorläufig der letzte Walzer auf der Wiese

Ein wenig Wehmut kommt auf, wenn Darzins' zauberhaft schöner "Melancholischen Walzer" durchs Museumsviertel schwebt: Gerade weil an diesem Abend alles so perfekt zusammenspielt. Es wird vorläufig der letzte Walzer an diesem Ort sein. Auf der Wiese, deren abendfeuchter Duft Teil des sinnlichen Gesamtkunstwerks ist, wird im nächsten Sommer schon das Theaterprovisorium stehen. Gut, dass das Orchester nicht nur wiesenerprobt, sondern notfalls auch bergfest ist.

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