Klassik
Wie ein Jahrhunderttenor Luciano Pavarotti und Andrea Bocelli den Weg ebnete

Enrico Caruso war im 20. Jahrhundert ein Synonym für den Opernsänger schlechthin, der legitime Nachfolger von Halbgott Orpheus.

Christian Berzins
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Caruso erschuf die Schallplatte - und die Schallplatte erschuf Caruso.

Caruso erschuf die Schallplatte - und die Schallplatte erschuf Caruso.

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Seit der sagenhafte Orpheus mit seinem Gesang Menschen, Tiere, Bäume und sogar Steine zu Tränen rührte, gab es immer wieder Tenöre, die ebenso schön zu singen versuchten. Einige taten das so gut, dass bleiche Mädchen nächtelang ob ihrer Hohen Cs warme Tränen in ihre Kissen weinten. Jene oft gescholtenen Kaliber, deren Namen für Pizzas und Osterien herhalten mussten, schafften es gar, die Massen zu verführen, ihnen zu vermitteln, wie genial und einfach Oper sein kann.

Enrico Caruso war ein solcher Sänger: Am 2. August vor 100 Jahren ist er gestorben, 1873 geboren. Seine Stimme überquoll von süsser Lust und war durchtränkt von einer erotisierenden Fäulnis, sie bestach durch eine unglaubliche Kraft und dramatisches Pathos. Bisweilen wurde der Neapolitaner zum effekthascherischen Bühnentier, kein Wunder, war er bereits zu Lebzeiten eine Legende. Die Technologie half mit, war doch die Schallplatte damals um 1900 gerade erfunden worden.

Caruso erhielt so ein zweites Instrument, mit dem er Millionen von Menschen erreichte. Ein Instrument auch, mit dem er Millionen machte. Das bald aufkommende Radio brachte seine nektarsüsse Riesenstimme schliesslich in die entlegensten Winkel der Welt und machte vulgäre Epigonen zu Töne schleudernden Volkshelden.

Doch der Kampf um die Tenorkrone ist nun mal einer mit unlauteren Mitteln: Wo die Masseinheit Gänsehaut und kullernde Tränen sind, stehen ­Kenner und Besserwisser auf verlorenem Posten. Es war kein Zufall, dass eine Fussball-­Weltmeisterschaft, «Italia 90», zur Geburtsstunde der «Drei Tenöre» (Luciano Pavarotti, José Carreras und Placido Domingo) wurde.

Heute ist weder von ihnen noch von Enrico Caruso viel zu hören. Doch von welchem Tenor ist heute noch viel zu hören? Gibt es noch grosse Tenöre?

«Es gibt keine Tenöre mehr»

Es gibt sie gewiss, denn das Tenor-Jammern ist ein Topos. Seit 150 Jahren gilt es, den Nachfolger des vermeintlich Besten zu suchen. Naturgemäss vergeblich. Tolstois Romanfigur Anna Karenina klagte anlässlich ihres Opernbesuchs im Jahr 1850: «Es gibt keine Tenöre mehr!». Immerhin folgte mit Caruso der Tenor der Tenöre – und danach ein goldenes Tenor-Zeitalter.

Die Frage, wer der König der Tenöre sei, wurde zur Gretchenfrage der Opernwelt – und zum Bombengeschäft. Bald konnten Tenöre in Fernsehshows und riesigen Hallen auf- und verblühen, in Klatschmagazinen von allen Seiten ausgeleuchtet werden. Auf den Nebengeleisen der Seriosität sangen sie sich mit Arien, Schlagern und Schnulzen in die Herzen der Massen: Mario Lanza (1921–1959) und Joseph Schmidt (1904–1942) waren die genialsten, später kamen billige Kopien wie Helmut Lotti (*1969), Paul Potts (*1970) oder Andrea Bocelli (*1958) hinzu.

Als Bocelli zur Euro20-Eröffnung die Arie «Nessun dorma» aus Puccinis «Turandot» ins Stadionrund brüllte, sagte der Schweizer TV-Kommentator: «Sein grösster Hit.»

Mit Caruso verband man jahrelang die Arie «Vesti la giubba» aus Leoncavallos «I Pagliacci». 235 Caruso-Aufnahmen soll es geben, längst sind sie digitalisiert, gar mit neuen Orchestersound im Hintergrund. Wie Carusos Stimme tatsächlich geklungen hat, weiss keiner mehr. So schlimm ist das nicht, auch Orpheus hat niemand je gehört, und doch hat er ewig Platz in unseren Herzen.

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