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Honorar statt Taschengeld: So innovativ fördert die Mieg-Stiftung während der Pandemie

Die Corona-Situation brachte neue Förderinstrumente hervor. Für Geld von der Mieg Stiftung brauchte es nicht viel – nur ein Stück von Mieg.

Anna Raymann
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Cellist Jonathan Weigle spielt im Trio für die Corona-Atkion der Mieg-Stiftung.

Cellist Jonathan Weigle spielt im Trio für die Corona-Atkion der Mieg-Stiftung.

zvg

Solidarität war das viel gerühmte Schlagwort der letzten Monate. In Kunst und Kultur sprossen Initiativen aus dem virtuellen und dem realen Boden. Die einen spielten vom Balkon aus für die Nachbarschaft, Streams gab es so viele, dass man sie kaum alle gucken konnte. Es brauchte neue Ideen, denn bestehende Förderinstrumente konnten unter den Umständen nur eingeschränkt eingesetzt werden. Oft sind diese an Bedingungen wie Konzerte oder an lokal gebundene Residenzen, vielleicht sogar im Ausland, gekoppelt – was unter den Corona-Restriktionen schlicht nicht umsetzbar war.

Das Aargauer Kuratorium lancierte wie so viele Fördergremien und Stiftungen einen Recherchebeitrag, der Künstlerinnen und Künstler weitreichend losgelöst von produktiven Bedingungen bei ihrer Arbeit unterstützt.

Corona erweckt vergessene Musik zu neuem Leben

Einen anderen Ansatz wählte Anfang Jahr, mitten zwischen zwei Wellen, die Peter Mieg Stiftung. Sie beschloss, Honorare für gespielte Stücke auszuzahlen. Markus Hediger, Präsident der Stiftung, erzählt:

«Viele Musiker hatten seit über einem Jahr nicht mehr gespielt, insbesondere Freischaffende kamen in dieser Zeit in Bedrängnis. Ihnen wollten wir die Möglichkeit geben, wieder für ein reguläres Honorar zu spielen.»

Die Ausschreibung setzte kaum Bedingungen: Jeder der ein von Mieg komponiertes Stück spielte und als Audio oder Video dokumentierte, sollte für die Arbeit bezahlt werden.

Die Resonanz war riesig, nach zehn Tagen hatte Markus Hediger 60 Anträge auf dem Schreibtisch, nach zwei Wochen mussten sie die Ausschreibung abbrechen. «Mehr hätten wir nicht bewältigen können», so Hediger. Die Ausschreibung war von Hand zu Hand weitergereicht worden und so kamen Anträge aus etlichen Ländern zusammen. In Argentinien wollte man Peter Mieg geprobt und spielen, genauso wie in Portugal und Korea. «Salopp gesagt: Ein Virus hat Mieg aus der Vergessenheit geholt. Vermutlich wurde er noch nie so oft gespielt wie in diesem Jahr», sagt Markus Hediger.

Aus Lenzburg in die Welt

Dabei hat Peter Mieg ein umfassendes Werk hinterlassen. Als Komponist, Maler und Publizist hat er seine Spuren gelegt im kulturellen Geschehen des Landes. Geboren wurde er 1906 in Lenzburg, in das er nach seinem Studium in Basel und Paris bereits 1939 zurückkehrte. Anfangs der 50er Jahre dann der eigentliche Durchbruch als Komponist, der vor allem nach Aufträgen schaffte.

Die Konzerte führten seine Musik wieder weit über die Landesgrenzen hinaus. Fest verankert blieb Mieg stets in Lenzburg, im Haus «Sonnenberg», Ausgangspunkt für Kontakte, die er zu Musikerinnen, Malern und Schriftstellerinnen pflegte. Peter Mieg starb 1990, 84-jährig. Das Villa «Sonnenberg» kaufte 2019 Burghalde-Chefin Christine Von Arx, die, wie vergangene Woche bekannt wurde, daraus für vier Millionen ein Bed & Breakfast, aber eben auch ein Kulturhaus für Residenzkünstlerinnen und -Künstler machen will.

Neue Interpretationen aus krakeligen Noten

Nun wird Miegs Musik also wieder gespielt. «Und wenn sie bereits bei den Musikern im Repertoire ist, wird sie so schnell auch nicht wieder vergessen», hofft Hediger. Einige Aufnahmen sind bereits entstanden, andere sind noch in Ausarbeitung. Gewisse Noten gelten als vergriffen, sodass einige Musiker nach Kopien handschriftlicher Notizen spielen mussten. Was als «Cis», was als «Es» gespielt werden sollte, sei dabei nicht immer eindeutig zu entziffern, erzählt Hediger.

Seine Begeisterung für die Musiker und Musikerinnen ist gross. «Manchmal hatte ich den Eindruck, einen ganz neuen Mieg zu hören. Romantische Stücke wurden teils frech interpretiert. Und ich hörte Stücke, die ich seit ihren Uraufführungen nie wieder gehört habe.» Das Trio um Jonathan Weigle aus Berlin etwa spielte ein Stück für Cello, Harfe und Orgel ein. Das aufwändige Video dazu fängt erstmals das Zusammenspiel dieser so unterschiedlichen Instrumente auch visuell ein.

Im Rahmen ihrer Corona-Aktion hat die Mieg-Stiftung allerdings keine Konzerte geplant, die die verschiedenen Musiker zusammenbringen würden. Auch eine CD soll es nicht geben. Die bisher eingegangen Stücke gibt es aber auf Youtube für alle kostenlos zum Nachhören. Die Corona-Aktion war ein spontaner Einfall, Musikerinnen und Musiker wieder spielen zu lassen - um ihnen dafür ein reguläres Honorar auszahlen zu können, etwas, was viel zu lange nicht mehr möglich war.

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