KLASSIK: Gustavo Dudamel schreibt Geschichte

Der 35-jährige Venezolaner gilt als einer der besten Dirigenten der Welt. Doch just in dem Moment, in dem er den Olymp betritt, mehrt sich Kritik.

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Er dachte zuerst, es sei ein Scherz. John Williams, der Komponist der «Star Wars»-Filmmusik, bat Gustavo Dudamel (35), das erste und das letzte Stück der jüngsten Episode zu dirigieren. «Ich musste lachen. Schliesslich ist mir ja bewusst, dass John Williams über einen grossen Humor verfügt.» Doch John Williams machte keine Spielchen. Er meinte es ernst.

Jetzt ist Gustavo Dudamel nicht nur ein Star-, sondern auch noch ein Jedi-Dirigent.«Es gibt einige Leute, die Filmmusik nicht so hoch einstufen wie klassische Musik, aber diese Komponisten sind grosse Musiker mit grossen Orchestern. John Williams ist für mich einer der grössten Komponisten unserer Zeit», sagt er gegenüber der Zeitung «The Telegraph».

Gustavo Dudamel ist einer der grössten Dirigenten der Welt. Er eroberte schon früh die Herzen der Klassikfans. Aufgewachsen ist er in Barquisimeto, der viertgrössten Stadt Venezuelas, und eigentlich konnte aus Gustavo Dudamel nichts anderes als ein Musiker werden. Seine Mutter war Gesangslehrerin und sein Vater Posaunist. Mit zehn Jahren begann Dudamel Geige zu studieren, mit zwölf stand er erstmals dem Jugendorchester seiner Heimatstadt vor. Heute leitet er das Los Angeles Philharmonic Orchestra und ist Musikdirektor des Bolivar Symphony Orchestra of Venezuela. Daneben hat er unzählige Gastauftritte.

Am 1. Januar betritt er den Klassik-Olymp. Er wird das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren, das wohl berühmteste Klassikkonzert überhaupt. 50 Millionen Menschen in gut 90 Ländern werden an Neujahr das Konzert am Fernseher verfolgen. Wer das Konzert vor Ort verfolgen will, muss sich ein Jahr vorher um einen der Plätze bewerben und dann erst noch Losglück haben. Eine besondere Ehre also, und Dudamel ist mit 35 Jahren der jüngste Dirigent in der Geschichte des Neujahrskonzertes, dem sie zuteil wird. Sein Debüt als Dirigent der Wiener Philharmoniker gab Dudamel 2007 in Luzern.

Ausgerechnet in jenem Zeitpunkt, wo Dudamel seine grössten Erfolge feiert, geht es seinem Land am schlechtesten und wird auf einmal Kritik an ihm laut. Denn jene, die auf der Strasse gegen die Regierung demonstrieren, erhoffen sich Unterstützung vom grossen Maestro. «Erhebe deine Stimme gegen das Regime», fordern sie.

Doch Dudamel schweigt. Er will nicht politisch Stellung beziehen, weil er weder ein Politiker noch ein Aktivist sei, wie er vor wenigen Wochen auf seiner Website geschrieben hat. «Meine Musik ist meine Stimme, und mein Orchester spielt für alle auf der Welt, die sich für eine bessere Welt einsetzen.» Man möge nur gut hinhören, dann nehme man es vielleicht auch wahr.

 

Dominik Buholzer