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KLASSIK: «Ein Orchester muss hypersensibel sein»

Riccardo Chailly tritt mit seiner Mailänder Filarmonica della Scala am Luzerner Osterfestival auf, das heute eröffnet wird. Für den italienischen Chefdirigenten ist ein Orchester ein atmender Organismus.
Anna Kardos
Riccardo Chailly, seit 2016 Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra. (Bild: Nadia Schärli)

Riccardo Chailly, seit 2016 Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra. (Bild: Nadia Schärli)

Interview: Anna Kardos

Riccardo Chailly, Sie kommen diesmal mit der Filarmonica della Scala nach Luzern, Sie sind aber auch Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra. Was ist der Unterschied zwischen diesen Orchestern?

Das Lucerne Festival Orchestra ist im strengen Sinn kein Orchester. Es ist ein Projektorchester, geformt aus den besten Musikern weltweit. Wir treffen uns zweimal jährlich. Das ist eine einzigartige Situation: Die Erwartung von Musikern und Dirigent ist, auf allerhöchstem Level zu musizieren. Da ist aber auch die individuelle Bravura der einzelnen Instrumentalisten. Für mich ist das eine Herausforderung – weil es einen riesigen Unterschied in der Persönlichkeit gibt.

Herbert von Karajan hat gesagt, ein Orchester sei nur komplett, wenn es beides mache: Oper und philharmonische Konzerte. Was lernt man im Orchestergraben?

Zuallererst: Einander zuhören. Wenn man nicht ständig auf die Sänger hört, wird man nie zusammen sein. Vor allem bleiben auch der Stil und Inhalt der Musik ohne Sinn. Diese Hypersensibilität, diese Fähigkeit, der Melodie, der Singstimme zuzuhören, ermöglicht dem Orchester mit der Zeit, im Kollektiv unglaubliche Flexibilität zu erreichen.

Wie ein Vogelschwarm oder ein Fischschwarm?

Ganz genau. Der Puls der Musik fliesst zwischen 80 oder 90 Musikern, weil sie zusammen atmen, wie ein grosser Organismus. Wenn man mit einem solchen Orchester aus dem Orchestergraben in einen Konzertsaal geht, bringt man eine neue Dimension mit.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien selten einverstanden mit Opernregisseuren. Ist das Lucerne Festival ein Hintertürchen, um theatrale Musik zu spielen, aber ohne störenden Regisseur?

Das würde ich so nicht sagen. Luzern ist aber einer der besten Konzertsäle in Europa und eines der besten Festivals weltweit. Es ist grossartig, hier mit der sinfonischen Musik an deren Grenzen zu gehen.

Und zu Hause an der Scala?

Wenn ich eine Oper aufführe, versuche ich immer mit Regisseuren zusammenzuarbeiten, die einen wirklichen Dialog zwischen Szene und Musik zulassen. Das scheint auf den ersten Blick nur logisch. Aber heutzutage streben Regisseure und Dirigenten manchmal in völlig verschiedene Richtungen.

Weil sie versuchen, die Musik ins Heute zu übersetzen?

Man muss den geschichtlichen Hintergrund eines Stücks oder einer Oper studieren und sich damit auseinandersetzen, um fähig zu sein, den Sinn in die heutige Zeit zu transportieren.

Dort ist die Erfahrung der Zeit völlig anders als im realen Leben.

Ganz genau. Und darüber hinaus: Oper braucht auch Zeit zum Entstehen. Man muss sie als eine Verbindung verschiedener Künste denken. Natürlich muss man die Oper unbedingt erneuern, ich will alles andere, als dass sie altmodisch ist. Aber immer mit Respekt gegenüber der Musik. Manche Regisseure vergessen das und gehen einfach ihren Weg. In der Meinung, das sei ein Objekt, das komplett ihrer Interpretation unterliegt. Das ist falsch!

Heutzutage gehen Menschen an Ostern nicht mehr in die Kirche, aber sie gehen in ein Konzert mit Bach oder einer anderen Passion. Ist Musik ein Ersatz für Religion?

Ich sehe es nicht als Ersatz. Tatsächlich ist aber Musik eine spirituelle Inspiration. Sie nimmt einen mit auf eine sehr lange und tiefe Reise in den ursprünglichsten Sinn der Religion. Wenn man die Passionen von Bach hört: Der Text ist so kraftvoll und so wichtig. Er enthält buchstäblich die Geburt der ganzen Menschheit. Und diese göttliche Musik, die ein geradezu himmlisches Genie geschrieben hat! Das ist absolut Musik für die Unendlichkeit.

Welche jede und jeder empfindet?

Es ist gänzlich egal mit welchem religiösen Hintergrund man sich auch eine Bach-Passion anhört – man geht immer erfrischt und ­inspiriert in den Alltag zurück.

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