Klassik
Die spinnen, die Basler! Wieso das Sinfonieorchester direkt nach der Ankündigung von Lockerungen nach Salzburg gefahren ist

Kaum war das Wort Öffnung zu hören, fuhr das Sinfonieorchester Basel nach Salzburg und spielt in der Mozartstadt zwei Konzerte.

Christian Berzins aus Salzburg
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Das Basler Sinfonieorchester in der Festspielstadt im grossen Festspielhaus

Das Basler Sinfonieorchester in der Festspielstadt im grossen Festspielhaus

Bild: Daniela Gruber/Peaches&Mint

Geht doch. 11.40 Uhr Covid-19-Test, Zürich Sihlamtstrasse 3; 12.40 Uhr Abfahrt Zürich; 18.02 Uhr Ankunft Salzburg; 18.50 Uhr Wiener Schnitzel im «Herzl», 19.30 Uhr Konzertbeginn im Grossen Festspielhaus. Und dann, ur­knallplötzlich, ist alles, was da sticht und plagt, stört und verhindert, tötet und lähmt, vergessen. Auf der Bühne bei den Künstlern zuallererst.

Prometheus formt dort aus Lehm die Menschen, Zeus bestraft ihn für seine Tat fürchterlich, und dennoch schenkt Prometheus seinen Geschöpfen wieder Hoffnung. Beethoven Jahrtausende später titanengleich den Rest: den Glauben an die seelendurchdringende Kraft der Musik.

Doch wir greifen vor, fantasieren, ja halluzinieren schon, möchten eigentlich losjubeln über ein kulturelles Ereignis, wo doch vorher so viele Fragen zu beantworten wären. Die direkteste und ehrlichste: Spinnen die Basler? Kaum ist da ein Spaltbreit «Öffnung» zu spüren, gehen sie mit Mann und Maus auf Orchestertournee?

Haben die Intendantinnen und Musiker in tiefster Lockdown-Stille nicht gelobt, dass nach der Krise alles anders wird, dass die Herumreiserei der Orchester vorbei sein werde, dass ein Orchester sich vielmehr um die Stadt und die Menschen zu Hause sorgen müsse?

Auch aus Basel war solcherlei zu hören. Aber am Mittwoch und Donnerstag sass das Sinfonieorchester mit Chefdirigent Ivor Bolton im Salzburger Festspielhaus und spielte Beethoven, Schubert und Mendelssohn.

Ivor BoltonChefdirigent am Sinfonieorchester Basel

Ivor Bolton
Chefdirigent am Sinfonieorchester Basel

Bild: Juri Junkov

Und man kann es ihnen übel nehmen? Sie kommen einer vertraglichen Verpflichtung nach – und auch dem Subventionsgeber: Zum Leistungsauftrag gehört es, sich im Ausland zu präsentieren. Nicht zuletzt verdient das Orchester mit dem Gastspiel Geld.

Im März 2020, für das Klassikbusiness relativ spät, war der Vertrag für diese Auftritte unterzeichnet worden. Corona war damals noch irgendetwas Komisches aus China, das man bald im Griff haben würde.

Zusage aus Basel trotz Quarantänebedingung

Mehr als ein Jahr später ist alles anders. Oder eben doch nicht? War da nicht genug Stillstand? Warum nicht loslegen, wo es erlaubt ist? Als die österreichische Regierung Anfang Mai 2021 eine Öffnung der Kulturinstitutionen für den 19. Mai bekannt gab, fragte denn auch die Kulturvereinigung Salzburg drängend nach Basel: «Kommt ihr jetzt?» Und schon am 8. Mai lag die Zusage definitiv vor. Erstaunlich und kurios, denn damals war das «Land Salzburg» noch mit Schweizer Quarantänebedingung gebrandmarkt.

Für beide Seiten galt es, sich im Spagat zu üben, mussten doch die nationalen Covid-19-Bedingungen der Schweiz und Österreich berücksichtigt werden. Und für den Veranstalter wichtig: etwaige Deadlines für Stornierungskosten im Hotel oder der Reisekosten dürfen nicht vergessen werden. «Die Unsicherheit war gross, wusste man doch um den Termin der Ankündigung, allerdings nicht, unter welchen Bedingungen man wieder veranstalten dürfe», sagt Thomas Heissbauer, künstlerischer Leiter der Kulturvereinigung Salzburg. Heissbauer:

«Die rasch fallenden Inzidenzzahlen in Salzburg und Österreich haben diese Entscheidung natürlich erleichtert.»

Am 26. Mai hiess das für Salzburg 37 auf 100000, für Österreich 46 auf 100000 Einwohner.

In Basel sass derweil die Orchesterleitung mit dem Orchestervorstand zusammen, man diskutierte die Schutzkonzepte bis ins Detail durch. Ob die Aussicht, in einem Saal mit 1000 statt wie in der Schweiz mit bloss 50 Zuhörern zu spielen, einen Einfluss hatte?

Durchaus auch auf dem Tisch lag die Frage, ob man denn nun überhaupt auf Tournee gehen dürfe? Ob ein Auslandgastspiel politisch nicht ein Schuss hintenraus sein würde? Aber für den künstlerischen Direktor Hans-Georg Hofmann war klar:

«Wir wollen und können damit auch zeigen: Es geht.»
Hans-Georg HofmannKünstlerischer Direktor des Sinfonieorchesters Basel

Hans-Georg Hofmann
Künstlerischer Direktor des Sinfonieorchesters Basel

Bild: Roland Schmied

Die Zeit lief für die Basler. Und die Erfahrung. «Die Sinfonieorchester lernten, mit der Pandemie umzugehen», sagt Hofmann: «Wenn jemand positiv getestet wurde, musste nicht das ganze Orchester in Quarantäne. Hält man sich an die Sicherheitsmassnahmen, steckt sich kein Orchester in ein paar Minuten an.»

So viel und so streng da auch diskutiert wurde, fragt man die Musiker und Musikerinnen, ist viel Begeisterung über die Reise zu spüren, obwohl alle – die Bläser ausgenommen – mit Masken spielen und jeder und jede jeden Tag getestet wird. Für Konzertmeisterin Marta Kowalczyk ist die Tournee eine Gelegenheit, dass sich das Orchester als ein ernstzunehmendes Ensemble etabliert und damit zeigt, dass man sich um die ständige musikalische Entwicklung auf höchstem Niveau kümmert.

Für Kowalczyk wären selbst kommende Asientourneen eine Freude: «Wir müssen die Kunst unterstützen, müssen Sorge tragen, dass das Interesse des Publikums für die Musik erhalten bleibt. Ich denke, wann immer es die Situation erlaubt, werden wir wieder auf grosse Tourneen gehen.»

Musiker und Musikerinnen des Sinfonieorchester Basel in der Altstadt.

Musiker und Musikerinnen des Sinfonieorchester Basel in der Altstadt.

Bild: Daniela Gruber/Peaches&Mint

Der ökologische Fussabdruck bestimmt den Orchesterfahrplan

Doch in den nächsten Monaten werden die Stationen des Sinfonieorchesters nicht Peking und Seoul, sondern Mannheim, Wiesbaden, Baden-Baden, Besançon oder Dijon heissen. Hofmann strebt Orte an, die mit dem Zug oder mit dem Bus zu erreichen sind. Corona hat dieses Denken verstärkt.

Und so setzten sich denn am Dienstag 50 Musiker und Musikerinnen in den Zug – fuhren los nach Salzburg, das Grosse Festspielhaus als Ziel, jene Bühne, wo an Pfingsten noch die Klassikstars Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Cecilia Bartoli anlässlich der Salzburger Pfingstfestspiele gesungen hatten. Krethi und Plethi mitsamt den Adabeis waren dafür in die Stadt gereist.

Wie anders die Atmosphäre drei Tage später. Ist jetzt ein Orchester in der Stadt, fällt es in den Gassen geradezu auf. Touristen sind kaum zu sehen. Salzburg mag ausserhalb der vier international bedeutenden Festspiele eine Provinzstadt sein, aber der Zauber sitzt selbst jetzt, wo der Leere wegen jeder Schritt in den Gassen hallt, in allen Ecken. Mozart und der Festspielgeist sind für immer hier.

Und so ist diese kleine Stadt für jedes Schweizer Orchester durchaus eine künstlerische Herausforderung, auch wenn da vier Tage nach Pfingsten nicht (mehr) das internationale Publikum und ein Heer von Kritikern sitzt. Die Begeisterung nach Beethovens Ballettmusik «Die Geschöpfe des Prometheus» war enorm herzlich.

Schauspielkünstler Peter Simonischek.

Schauspielkünstler Peter Simonischek.

Peachesandmint / peachesandmint

Kein Wunder: Dank eines packenden, bisweilen zärtlichen Textes des Schweizer Schriftstellers Alain Claude Sulzer wurde dieses selten aufgeführte Werk zu einer Schiller-grossen Botschaft. Mit Schauspielstar Peter Simonischek hatte der Sulzer-Text einen Liebhaber gefunden, der ihn aufs allerprächtigste und allerfeinste präsentierte: Simonischek formte zusammen mit Prometheus den Menschen, machte uns, die eine Stunde lang gebannten Hörer, zu seinen Verbündeten: Wir alle wurden mit dem Titanen an den Felsen im Kaukasus geschlagen, litten unter den Übeln, die Pandora verbreitete – und sahen dennoch: Da ist Hoffnung für die Menschheit, wenn jemand das Gute sucht.

Es mag pathetisch tönen, aber von dieser grandiosen Aufführung konnte man viel mitnehmen in die von der Pandemie geplagte Welt. Wer sich in Österreich in sie hinein wagt, vertraut der «3G-Regel»: geimpft, getestet, genesen. Ein Schritt in ein Restaurant – und retour geht’s, wer keinen frischen Test oder keine Impfung vorweisen kann. Ins Festspielhaus kommt keiner ohne Beweis beziehungsweise Ausweis hi­nein. FFP2-Masken sind Pflicht.

Mitglieder des Sinfonieorchester Basel im backstage-Gespräch mit dem künstlerischen Leiter Hans-Georg Hofmann.

Mitglieder des Sinfonieorchester Basel im backstage-Gespräch mit dem künstlerischen Leiter Hans-Georg Hofmann.

Bild: Daniela Gruber/Peaches&Mint

Nach Kleinhüningen in die Vorstadt anstatt nach Schanghai

Maske auf, und alles läuft wie zuvor? Hans-Georg Hofmann winkt ab. Er weiss zu gut, dass die Zukunft andere Herausforderungen als die Organisation einer Asientournee mit sich bringt. Es gelte zu fragen, was ein Orchester in der eigenen Stadt machen soll, wie das Orchesterleben in zehn Jahren sei: «Viele junge Menschen tun sich schwer mit dem Zugang zur klassischen Musik und den Konzertritualen. Unsere Aufgabe ist es, uns noch enger in der Stadt zu engagieren, auch wenn wir in den letzten Jahren das Engagement der Musikvermittlung verdoppelt haben.»

In zehn Jahren ist man vielleicht weniger stolz darauf, in Schanghai gespielt zu haben, als darauf, in Kleinhüningen– einem Quartier mit 46 Prozent Ausländeranteil – ein neues Publikum gewonnen zu haben.

Vorerst gilt: Das eine tun, das andere unter gewissen Bedingungen nicht lassen. Das Gastspiel in Salzburg war jedenfalls ein Erfolg, den auch die österreichische Presse feierte. Selbst das staatliche Fernsehen war vor Ort. Das ist nicht selbstverständlich, ist doch das Sinfonieorchester Basel auch ein Theaterorchester, das viel Zeit verborgen im dunklen Orchestergraben verbringt. Jetzt war man am Licht – und wurde dort heftig beklatscht. Das gibt Selbstvertrauen für die kommenden Auftritte in Basel – und Umgebung.