Klangvolle Mondfahrten

Dieses Jahr verknüpfen die Ittinger Pfingstkonzerte traditionelle mit neuen Konzertformen und Alte mit Neuer Musik. Regie führt die Dirigentin Graziella Contratto, die gestern zusammen mit Pascal Viglino das Programm vorgestellt hat.

Rolf App
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Unter Graziella Contrattos und Pascal Viglinos Regie wird Ittingen zum Klang-Erlebnisraum. (Bild: Reto Martin)

Unter Graziella Contrattos und Pascal Viglinos Regie wird Ittingen zum Klang-Erlebnisraum. (Bild: Reto Martin)

ITTINGEN. Nachdem er hier übernachtet hat, findet Pascal Viglino die Kartause Ittingen noch schöner, als sie ihm zuvor beschrieben worden ist. Neugierig hat er sich umgeschaut auf dem weitläufigen Gelände, das gerade im Zeichen des allerschönsten Frühlings steht. Hat sich Gedanken gemacht über diesen Ort, an den sich über Jahrhunderte die Kartäusermönche zurückgezogen haben, um sich für Höheres zu öffnen.

Bereit für Experimente

Jetzt ist er bereit für Experimente und erklärt in charmantem, gebrochenem Deutsch, was er an Pfingsten vorhat. Wenn er einmal nicht weiterweiss, hilft Graziella Contratto als Übersetzerin. Sie erklärt ihm schliesslich auch, was «aamächelig» bedeutet – jenes Wort, mit dem einer der Journalisten auf ihrer beider Präsentation reagiert hat.

19 Jahre lang haben der Pianist András Schiff und der Oboist und Komponist Heinz Holliger das Kammermusikfestival im ehemaligen Kartäuserkloster bei Frauenfeld geleitet. Dieses Jahr nun wird vieles neu. Mit der Dirigentin Graziella Contratto führt eine neue künstlerische Leiterin Regie. Schon im kommenden Jahr wird ein anderer Musiker das Amt übernehmen.

Vier Tage lang erfüllen vom 22. bis 25. Mai Alte und Neue Musik das grosse Tagungszentrum. Künstler und Publikum begegnen sich auf Schritt und Tritt, traditionelle Konzerte stehen neben experimentelleren Konzertformen. In Pascal Viglinos Lustwandelkonzerten wird auch das Publikum auf einen Rundgang mit Überraschungsprogramm geschickt.

Ein Stück für Küchenutensilien

«Ich habe viel übrig für starke Orte», sagt Graziella Contratto. «Es ist mein Ziel, diesen Ort und seine Geschichte mit Musik und Literatur zu verbinden.»

Dabei sollen Altes und Neues zwanglos ineinanderfliessen. Schon im ersten Konzert ergibt sich so eine hochinteressante Kombination. Das Calmus Ensemble spielt und singt Stücke von Robert Schumann, Clara Wieck und Johannes Brahms, während Pascal Viglino ein Stück für Teremin spielt. Das Teremin ist ein Instrument, das aus Bewegungen Klänge produziert. Später wirkt Viglino in Leo Dicks «The Art Of Prolonging Life» für Perkussionisten mit Küchenutensilien mit.

Victor Fehr und der Kaiser

Oliver Stein schliesslich liest zwischendurch aus den Memoiren und Korrespondenzen von Victor Fehr, der im 19. Jahrhundert aus dem ehemaligen Kloster einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb geformt hat. Victor Fehr ist es auch gewesen, der am 4. September 1912 in Ittingen den deutschen Kaiser Wilhelm II. zum Gabelfrühstück hat empfangen dürfen. Dabei konnte er dem Staatsgast nicht nur eine moderne Dreschmaschine vorführen, sondern auch die erste Toilette mit Spülvorrichtung.

1912: Ein magisches Jahr

Auf dieses Jahr 1912 bezieht sich ein ganz besonderes Konzert, das am Pfingstsamstag um 21 Uhr im grossen Ausstellungskeller des Kunstmuseums stattfindet. Der Komponist Leo Hofmann verknüpft Arnold Schönbergs «Pierrot Lunaire» und die Kindergeschichte «Peterchens Mondfahrt» mit dem Leben des Physikers Wernher von Braun, der die Menschheit auf dem Mond gesehen hat – und der sinnigerweise auch 1912 geboren worden ist. Weshalb Hofmanns Auftragswerk denn auch den Titel «Wernherchens Mondfahrt» trägt.

Facetten der Verführung

Graziella Contratto selber wird an zwei Konzerten mitwirken: Am Pfingstsonntag führt sie mit dem Germanisten Peter von Matt ein Gespräch über Verführbarkeit. Vorher erklingt «Josephs Legende» von Richard Strauss, danach Frédéric Chopins 24 Préludes – zu denen Liz Waterhouse tanzen wird. Und tags darauf dirigiert sie das gesamte Ensemble der Ittinger Pfingstkonzerte mit Werken von Franz Schmidt, Alban Berg und Gustav Mahler. Dessen vierte Sinfonie wird in ihrer Fassung für Kammerensemble und Sopran einen besonderen Schlusspunkt setzen – und mit der Anrufung des himmlischen Lebens noch einmal zu einer Art von Mondfahrt ansetzen.