Kinofest auch ohne Cüpli

Heute abend werden am Zurich Film Festival die Preise des Wettbewerbs verliehen. Die 8. Ausgabe präsentierte viel Sehenswertes. Denn jenseits aller Star-Galas wird einem interessierten Publikum ein lohnendes Filmprogramm geboten.

Andreas Stock
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Vor dem Kino Corso, wo ein Grossteil der Festivalfilme aufgeführt wird, geht der Alltag weiter. (Bild: Andreas Stock)

Vor dem Kino Corso, wo ein Grossteil der Festivalfilme aufgeführt wird, geht der Alltag weiter. (Bild: Andreas Stock)

So ein Starglanz hat auch seine Schattenseiten. Denn wenn dieser Tage vom Zurich Film Festival (ZFF) die Rede war (das «u» in Zürich ist dem internationalen Anspruch geschuldet), dann ja vor allem von den Hollywood-Stars. Die paradierten wieder reihenweise über den «roten Teppich» – der in Zürich allerdings grün ist. Das Festivalleiter-Duo Nadja Schildknecht und Karl Spoerri haben diesem Glamour-Faktor von Anfang an einen hohen Stellenwert eingeräumt. Denn die Prominenz lockt Medien und Sponsoren an. Und vor allem dank Sponsoren und zahlreichen Businesspartnern – die als Gegenleistung attraktive Film-Events sowie mediale Aufmerksamkeit erhalten – kommt das Festival hauptsächlich zu seinem Geld. Über dieses kommerzielle Modell mag mancher die Nase rümpfen, doch ohne Sponsoren kommen keine grossen Kulturveranstaltungen aus. Und Filmstars, die mit Preisen angelockt werden, gibt es am Filmfestival Locarno und an anderen Festivals ebenso.

111 Filme aus 22 Ländern

Im Gegensatz zu Locarno trägt das dem Filmfestival in Zürich weiterhin das Image eines Cüpli-Anlasses ein. Und dieser Eindruck, so bestätigt sich während mehrerer Tage am Festival, ist ein Vorurteil. Denn trotz zahlreicher Gala- und Business-Veranstaltungen für eine exklusive Gästeschar ist das ZFF ein Publikumsanlass wie Locarno auch. Und lohnt einen Besuch.

«Ein Fest für das Kino» lautet das Motto des 8. Zurich Film Festivals. Und während der elf Festivaltage kann das Publikum 111 Spiel- und Dokumentarfilme aus 22 Ländern ansehen und nach den Vorführungen mit zahlreichen der Filmemacher reden. Zu sehen sind die Filme einerseits in den Kinos Le Paris und Corso, die unmittelbar beim öffentlichen Festivalzentrum am Sechseläutenplatz liegen. Etwas abseits, in zehn Minuten per Tram zu erreichen, werden zudem Festivalfilme im Cineplex Arena im Sihlcity gezeigt.

Filmfest mitten im Alltag

Anders als im Tessin kann in Zürich nicht eine Tageskarte oder ein Abo für das ganze Festival gelöst werden, sondern muss der Filmfreund für jeden einzelnen Film, den er sehen will, ein Ticket haben. Am Nachmittag kostet das ohne Ermässigungen 16 Franken (wie ein gewöhnlicher Kinobesuch), für die Abendvorstellungen 21 Franken. 120 Franken kostet eine Karte für zehn Wettbewerbsfilme.

Während Locarno in die Zeit der Sommerferien fällt, herrscht am ZFF unter der Woche rund um die Kinos und das Festivalzentrum beim Bellevue geschäftiger Alltag. Dennoch sind die meisten Vorstellungen gut bis sehr gut besucht. Am Nachmittag scheint der Altersdurchschnitt leicht höher als abends, wenn sich ein jugendlicheres Publikum einfindet. Einzelne Besucherinnen und Besucher erzählen, sie würden sich eher einzelne Filme aussuchen und nicht jeden Tag am Festival verbringen.

Eine weitere Beobachtung: Die Platzkarten scheinen den Preis eher bewusst zu machen als ein Festivalabo. Denn wenn ein Film im Tessin nicht gleich gefällt, schlüpfen viele Zuschauer schnell einmal während der Projektion aus dem Kinosaal. In Zürich ist das vorzeitige Verlassen einer Vorführung selten zu sehen. Vielleicht auch, weil sich dann nicht so einfach und schnell in einen anderen Saal wechseln lässt, wie das in Locarno oft möglich ist. Zum Verlassen der Säle gab es in Zürich allerdings auch selten einen triftigen Grund.

Werke, die sich bewährt haben

Die Qualität der besuchten Filme in den vier Wettbewerbsprogrammen, aufgeteilt in Dokumentar- und Spielfilme sowie in deutschsprachige und internationale Produktionen, erweist sich bei diesem 8. Jahrgang als hoch. Das liegt gewiss auch daran, dass unter den 40 Wettbewerbsfilmen mit Débuts sowie zweiten und dritten Werken sich lediglich neun Uraufführungen finden. Die meisten der anderen Filme haben sich bereits an Festivals bewährt – und wurden dort teils auch mit Preisen ausgezeichnet. In Locarno ist die Zahl der Weltpremieren im Wettbewerb höher (2012 waren das zwei Drittel der Filme). Das kann sich dann auf die Qualität eines Programms auswirken, weil das Festival auch Werke auswählen muss, die oft noch nicht fertiggestellt sind. Und da Locarno zudem den Anspruch verfolgt, Regisseure zu präsentieren, die ungewohnte und experimentellere Erzählweisen wagen, gehören sperrige oder gar missglückte Filme eben dazu.

Gute Gründe für das Festival

Braucht es auch noch ein Filmfestival in Zürich? Diese Frage war vor acht Jahren angesichts einer steigenden Zahl an Festivals wohl berechtigt. Mittlerweile hat das ZFF diese Frage mit seinem Wachstum (siehe Kasten) obsolet gemacht. Doch auch die Entwicklung der Kinokultur in der Schweiz kommt dem Festival entgegen. Denn wenn in der Ostschweiz immer mehr «kleinere» Filme kaum mehr in die Kinos kommen, selbst in der Kinostadt Zürich die Zahl an synchronisierten Vorführungen steigt, und der Mainstream aus Hollywood gleichzeitig in mehreren Sälen zu einem monotoneren Programm führt, ist der Filmfreund für jede Perle ausserhalb des Kinoalltags dankbar. Und die vier Wettbewerbsprogramme in Zürich boten zahlreiche sehenswerte Filme, die aber kaum den Weg in unsere Kinos finden werden. Beispielsweise der chinesische Spielfilm «Song of Silence» um ein taubstummes Mädchen. Oder vermutlich auch der packende dänische Spielfilm «Kapringen» von Tobias Lindholm über ein dänisches Frachtschiff, das von somalischen Piraten gekapert wird.

Zwei starke Mädchen

Zwei der Höhepunkte im internationalen Spielfilmwettbewerb haben bereits einen Schweizer Verleih. Die beiden Début-Filme dürften nicht nur zu den Favoriten um ein «Golden Eye» gehören, sondern haben auch gute Aussichten, das heimische Kinopublikum zu begeistern. «Beasts of the Southern Wild», das grossartige Werk des US-Amerikaners Benh Zeitlin, ist eine archaisch-mythische Geschichte über ein aussergewöhnliches sechsjähriges Mädchen (Quvenzhané Wallis ist ein Naturtalent), das mit seinem Vater im Mississippi-Delta lebt. Auch im britischen Familien- und Sozialdrama «Broken» von Rufus Norris steht ein Mädchen im Mittelpunkt. Hier eine diabeteskranke Elfjährige, die von der beeindruckenden Eloise Laurence gespielt wird. Ob sie zu den Preisträgern gehören, entscheidet eine Jury. Heute abend werden die Preise verliehen.

Ein Favorit auf einen Preis: «Beasts of the Southern Wild». (Bild: pd)

Ein Favorit auf einen Preis: «Beasts of the Southern Wild». (Bild: pd)