KINO: Zum IS für den Märchenprinzen

15-jährige Mädchen, die von Frankreich aus in den Dschihad ziehen? Der beeindruckende Spielfilm «Le ciel attendra» erzählt davon. Was schwer nachzuvollziehen scheint, ist nah an der Realität.

Andreas Stock
Drucken
Teilen
Religion als Sucht: Die betende Sonja im Spielfilm «Le ciel attendra». (Bild: Filmcoopi)

Religion als Sucht: Die betende Sonja im Spielfilm «Le ciel attendra». (Bild: Filmcoopi)

Andreas Stock

andreas.stock

@tagblatt.ch

Sie sind ratlos. Die Eltern, die um einen Tisch sitzen, suchen nach Erklärungen. Sie wissen nicht, wie es mit ihren Töchtern so weit kommen konnte: «Wir haben doch immer ein gutes Verhältnis gehabt, das auf Vertrauen be­ruhte». Also wie nur konnte es so weit kommen, dass ihre Töchter zum Islam konvertierten und derart radikalisiert wurden, dass sie als Märtyrerinnen nach Syrien reisen oder einen terroristischen Anschlag verüben wollen?

Diesen Fragen geht «Le ciel attendra» von Marie-Castille Mention-Schaar nach. Sie versucht mit ihrem Spielfilm zu ­erklären, was kaum erklärlich scheint: Dass 15-jährige Mädchen aus wohlbehüteten Verhältnissen sich derart radikalisieren, dass sie ihre Familie und ihr Leben hinter sich lassen – und die Eltern nichts davon mitbekommen. Freilich, es gibt keine einfachen Antworten, auch wenn die französische Regisseurin die Geschichte modellhaft ausbreitet. Mention-Schaar hat lange recherchiert und dieAABB22Gespräche mit Betroffenen und Fachleuten beispielhaft auf zweiAABB22fiktive Mädchen verdichtet: ­Melanie und Sonja.

Mechanismen der Indoktrinierung

Ihren Schicksalen nähern wir uns aus entgegengesetzten Richtungen. Mit der Verhaftung von ­Sonja beginnt der Film. Ein Antiterrorkommando dringt ins Haus ein, die schockierten Eltern erfahren, dass ihre Tochter ein Attentat vorbereitet habe. Danach wird der Versuch geschildert, sie aus ihrer Gehirnwäsche zu befreien. Anhand von Melanie erzählt Mention-Schaar wiederum, wie eine gute Schülerin, die Cello spielt und sich bestens mit ihrer alleinerziehenden Mutter versteht, in eine islamistische Indoktrinierung gerät. Über ihre humanitäre Freiwilligenarbeit macht sie die Chat-Bekanntschaft mit einem jungen Muslimen, der verständnis- und liebevoll mit ihr umgeht. Er vermittelt ihr, was für ein besonderer Mensch sie sei, dass er sie beschützen wolle. Und dass sie zusammen die Welt verändern könnten. Bald beginnt Melanie sich gegenüber ihrer Mutter zu verschliessen.

Am Filmfestival Locarno, wo «Le ciel attendra» letztes Jahr auf der Piazza Grande seine Premiere feierte und zu den Werken gehört, die am stärksten nach­hallen, wurde dem Drama zwar vorgeworfen, es sei allzu didaktisch. Das kann man so sehen. Allerdings gelingt es Marie-Castille Mention-Schaar eindringlich, ­einige der perfiden Mechanismen verständlich zu machen, mit denen die extremistische Propaganda arbeitet. Die jungen Schauspielerinnen Naomi Amarger (Melanie) und Noémie Merlant (Sonja) verkörpern beängstigend glaubwürdig, was sich in den Mädchen abspielt.

Eine Expertin spielt sich selbst

Sandrine Bonnaire und Clautilde Courau überzeugen als Mütter, die ihre Töchter nicht mehr verstehen. Courau sagte in Locarno: «Für die Gesellschaft scheint die Mutter schuld dafür zu sein, wenn sich ihre Tochter radikalisiert. Doch es ist klar, dass das so nicht stimmt.» Zur packenden Authentizität trägt aber vor allem Dounia Bouzar bei, die sich selbst spielt. Bouzar ist Anthropologin, Buchautorin und Mitgründerin des in Frankreich bekannten ­Zentrums für Prävention, De­radikalisierung und individuelle Betreuung von Jugendlichen, die von islamistischen Extremisten ra­dikalisiert wurden. Ihre jahrelange Erfahrung mit über tausend betroffenen Eltern und Jugendlichen ermöglicht erst Szenen von dokumentarischer Eindringlichkeit wie die eingangs erwähnte Runde mit überforderten Eltern. Die Regisseurin betont: «Dies ist kein Film über Religion, sondern darüber, wie Religion missbraucht wird.» Als Teenager suche man nach Haltungen, Idealen und Überzeugungen auch abseits davon, was die Eltern denken. Der islamistische Extremismus sei eine der Gruppierungen, der ­diese Lücke fülle. Und sie fügt an, was auch ihr Film deutlich macht: Ein Eintrittstor zu den Mädchen sei die Liebe. Eine 14-Jährige träume von einer romantischen, perfekten Beziehung. In den Chats mit den jungen Männern wird ­ihnen so ein Märchenprinz aufgetischt. Die Perfidie ist nicht zu überbieten: Aus Liebe werden manche Mädchen zu Gottes­kriegerinnen.

Ab heute im Kino.