KINO: «Wie umständlich alles war»

Die Tessiner Schauspielerin Carla Juri spielt die Titelrolle in der Filmbiografie «Paula», die das Leben der bekannten deutschen Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876–1907) nachzeichnet.

André Wesche
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Carlo Juri spielt die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker im Spielfilm von Christian Schwochow. (Bild: PD/Filmcoopi)

Carlo Juri spielt die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker im Spielfilm von Christian Schwochow. (Bild: PD/Filmcoopi)

André Wesche

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@tagblatt.ch

Carla Juri, der Film beginnt mit einer Szene, in der Paula ihrem Vater eröffnet, dass sie gern Malerin werden möchte. Wie viele Väter wünscht der, sie möge zunächst «etwas Anständiges» lernen. Gab es diese Szene in Ihrem Leben?

Nein. Mein Zuhause hat mich immer unterstützt. Es wurde mir nicht übel genommen, dass ich etwas ausprobieren mochte. Ich musste nie etwas tun, weil es mein Vater so wollte. Ich hatte meine Wahl.

Was für ein Bild haben Sie sich von dem Menschen Paula Becker geschaffen?

Ich habe Paulas Tagebücher gelesen und ihre Korrespondenz. Es ist sehr viel Material, ihr Leben ist sehr gut dokumentiert. Die Meinung anderer Künstler oder überhaupt anderer Menschen hat sie immer nur bis zu einem gewissen Mass interessiert. In dem Sinne war Paula frei von Eitelkeit. So habe ich zumindest interpretiert, was ich über sie gelesen habe. Sie hatte einen anderen Sinn für die Kunst. Sie hat gegen die Tendenzen ihrer Zeit gelebt und gehandelt. Es hat mich fasziniert, wie sie das durchgezogen hat. Viele dachten damals, sie hätte kein Talent. Dabei hat sie die Kunst neu und sinnlich interpretiert.

Mussten Sie wirklich malen lernen oder hat es genügt, dass es so aussieht als ob?

Es hätte gereicht, nur so zu tun. Aber ich wollte nicht, dass es nur so aussieht, als könnte ich vielleicht malen. Ich hatte Lust, das Malen richtig zu verstehen, und ich glaube, das hat mir letztendlich den Zugang zur Figur geschaffen. Was für Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen entstehen beim Prozess des Malens? Man ist so konzen­triert, dass man in eine Selbstvergessenheit gerät. Das ist befreiend. Ich bin sehr froh, dass ich das für mich entdeckt habe. Dieses Befreiende spielte für Paula sicher eine wichtige Rolle.

Machen Kostüme etwas mit einem?

Ja. Das Kostüm hilft, sich in die Zeit einzufühlen. Man wird sich stärker bewusst, wie umständlich damals alles war. Allein schon das Korsett und diese vielen Schichten an Röcken!

Tragen Sie eine Sehnsucht nach anderen Zeiten in sich oder fühlen Sie sich im Hier und Jetzt am besten aufgehoben?

Eine gewisse Melancholie für andere Zeiten habe ich, weil ich sie nicht selbst erlebt habe. Aber letztendlich bin ich froh, dass ich jetzt lebe. Die gesellschaftliche Situation heute ist freier und offener als je zuvor.

«Paula» spiegelt die verklemmte Sexualmoral jener Zeit wider, «Feuchtgebiete» vertritt eher lockere Werte. Liegt das gesunde Mass dazwischen, ist eine gewisse Unschuld nicht auch schön?

Unschuld inwiefern? Wir reden hier über zwei Menschen. Und ich glaube nicht, dass die Frauen heutzutage mehr Unschuld brauchen. Das macht ja das Zerrissene einer Frau aus: Entweder sie ist die Mutter Gottes oder sie ist eine Hure. Das sind die beiden Schubladen, die uns aufgezwungen werden. Es ist wichtig, dass diese beiden Wertekategorien irgendwann aufgehoben werden.

«Paula» läuft ab heute in den Kinos