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KINO: Wellenreiten bis auf 3000 Megahertz hinauf

Bernard Weber geht in «Der Klang der Stimme» der Frage nach, wieso Gesang direkt berührt. Und gewann nicht nur wegen Sängern wie Regula Mühlemann, Andreas Schaerer oder Nadja Räss den Publikumspreis in Solothurn.
Urs Mattenberger
Sopranistin Regula Mühlemann. (Bild: Xenix)

Sopranistin Regula Mühlemann. (Bild: Xenix)

«Schmerz, Orgasmus, Geburt»: Es ist die Stimmtherapeutin Miriam Helle, die in Bernard Webers Film «Der Klang der Stimme» die Urgründe benennt, die die Stimme zum «Mysterium» machen, dem der Film nachspürt. Wie sehr uns die menschliche Stimme berührt, bestätigte die Uraufführung an den Solothurner Filmtagen. Da gewann der in Genf geborene Filmemacher nach 2012 («Die Wiesenberger») für «Der Klang der Stimme» zum zweiten Mal den mit 20000 Franken dotierten «Prix du Public». Weber untersucht den archaischen Ausdruck der Stimme aus der Sicht von Wissenschaft, Kunst und Alltag. Die wichtigsten Kronzeugen dafür sind zwei international erfolgreiche Schweizer Sänger – die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann und der Berner Jazz-Vokalist Andreas Schaerer. Die therapeutischen Möglichkeiten zeigt eben die Arbeit von Miriam Helle. Die physiologischen Grundlagen solcher Stimmwunder erläutert der Wissenschafter Matthias Echternach anhand von Ultraschallbildern ihrer singenden Köpfe. Sie zeigen, wie Kehlkopf, Zungenschlag und Lufträume beim Singen komplex zusammenspielen. Er kann zwar erklären, wieso Singen gut tut – weil es die Ausschüttung von Stresshormonen reduziert und Glückshormone freisetzt.

Aber Echternachs Untersuchungen stossen an Grenzen, wenn eine Sängerin wie Georgia Brown ihre Stimmlippen in unterschiedlichen Frequenzen von 2000 und 3000 Megahertz schwingen lässt und damit unterschiedliche Töne gleichzeitig produziert. Die Frage sei, räumt er selber ein, «wie weit man das Faszinosum der Stimme überhaupt erklären oder als «Mysterium» stehen lassen soll. Bei Regula Mühlemann erlebt man hautnah den Stress in Aufnahmesessions mit, wo jeder Aussetzer in den frohlockenden» Exsultate»-Koloraturen von Mozart einen neuen Take erfordert. Wie ein Kinderspiel wirkt dagegen, wenn Andreas Schaerer Klickgeräusche (mit der Zunge), Pfeifen (mit den Backen) und Singen (in der Nase) zu einem One-Man-Orchester überlagert oder mit den Instrumenten-Imitationen seiner Stimme das Zusammenspiel zwischen seiner Band Hildegard lernt fliegen und dem Orchester der Lucerne Festival Academy imaginiert.

Berührtwerden durch Musik wie Liebe zu Menschen

Erstaunlich ist, dass sich alle in ihren Grundaussagen dennoch ganz nahe kommen. «Ich suche nach einem 360-Grad-Rundumklang», sagt Mühlemann und schwärmt vom «beglückenden Gefühl, ganz authentisch im Jetzt» zu sein, wenn sie sich im Singen «öffnet, so dass jeder hineinsehen kann». Den Esoterik-Verdacht, gegen den sich Mühlemann wie Schaerer lachend verwahren, zerstreut auch Jodlerin Nadja Räss, die eine Gruppe Frauen auf handfeste Art zum «Choren» bringt. Und das gilt erst recht für den Wissenschafter Matthias Echternach, der lapidar feststellt, dass sich das Berührtwerden durch die Stimme so wenig erklären lässt wie die «Liebe zu einem Menschen». Bernard Weber hat vielleicht etwas viele Stränge in diesen Film eingeflochten. Aber er balanciert die Perspektivenwechsel durch eine ruhige, einmal hochpoetische, einmal betont sachliche Bildsprache aus. Die Bündelung und Fokussierung auf die genannten Protagonisten schafft einen Spannungsbogen bis zum schönen Schluss, wo die Stränge wie in einer musikalischen Fuge eng geführt werden und schliesslich das erwähnte Baby zur Welt kommt. Natürlich mit einem Schrei.

Urs Mattenberger

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Do, 20 Uhr Kinok St. Gallen mit Regisseur Bernard Weber

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