KINO: Verwirrende Gefühle

Feinfühlig und mitreissend erzählt der französische Altmeister André Téchiné in «Quand on a 17 ans» von jugendlicher Unsicherheit und der Schwierigkeit von Teenagern, ihre Gefühle auszudrücken.

Drucken
Geraten ständig aneinander: Tom (Corentin Fila, links) und Damien (Kacey Mottet Klein) im Film von André Téchiné. (Bild: Frenetic)

Geraten ständig aneinander: Tom (Corentin Fila, links) und Damien (Kacey Mottet Klein) im Film von André Téchiné. (Bild: Frenetic)

Rund zwei Dutzend Kinofilme hat André Téchiné seit 1970 gedreht und ist inzwischen schon 73. Doch kaum ein Film seiner jüngeren Kollegen wirkt so ­jugendlich frisch, so nah an seinen jungen Protagonisten wie «Quand on a 17 ans».

Im Zentrum stehen die Teenager Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein). Beide gehen zwar in einem französischen Pyrenäendorf in die gleiche Gymnasialklasse, doch Welten scheinen sie zu trennen. Während der aufgrund seiner nordafrikanischen Wurzeln dunkelheutige Thomas bei seinen Adoptiveltern auf einem Bauernhof in den Bergen lebt, wohnt Damien als Sohn der Ärztin Marianne (Sandrine Kiberlain) und eines Militärpiloten, der oft auf Auslandseinsatz in Kriegs- und Krisengebieten ist, mitten im Dorf. Hervorragend eingebettet in diese prächtige Landschaft und den Wechsel der Jahreszeiten vom schneereichen Winter bis in den sonnendurchfluteten Sommer vermitteln Téchiné und seine Co-Drehbuchautorin Céline Sciamma in der räumlichen Distanz beiläufig auch den sozialen Abstand zwischen den beiden Jugendlichen.

Feinmaschiges Netz von Gefühlen

In der Schule liegen sie sich nicht nur im Turnunterricht immer wieder in den Haaren, auch im Pausenhof kommt es zu heftigen Raufereien. Dennoch nimmt Marianne, als die Mutter von Thomas wegen einer komplizierten Schwangerschaft ins Krankenhaus muss, den Jungen bei sich auf. Ein labiles Gefüge zwischen Annäherung und Zurückweisung, zwischen Ängsten und Begehren entwickelt sich so, und auch die Sehnsucht der Mutter nach dem abwesenden Mann ­gewinnt bald mehr Gewicht.

Vor allem in der ersten Hälfte ist Téchiné durch die Arbeit mit der Handkamera und einen schnellen Schnitt ein ungemein dynamischer Film gelungen, der grossen Drive entwickelt. Aber auch durch die Nähe zu den Figuren wird der Zuschauer von Anfang an unmittelbar ins Geschehen gezogen. Erst später wird «Quand on a 17 ans» ruhiger, doch der Altmeister hält die Spannung geschickt aufrecht, indem er erst langsam tiefer blicken lässt und ein zunehmend wei­teres und feinmaschiges Netz unterschiedlichster Gefühle spannt. Und auch Eifersucht, Schmerz und Trauer kommen schliesslich ins Spiel. Dass das so gut funktioniert, liegt auch an den hervorragenden Schauspielern. Sandrine Kiberlain als fürsorgliche Ärztin muss man – wie beinahe immer – auf den ersten Blick mögen, und den beiden Jungschauspielern Corentin Fila und Kacey Mottet Klein lässt ­Téchiné viel Raum, um ihre Gefühle selbst zum Ausdruck zu bringen. Sehr physisch ist dieses leichthändig inszenierte Coming-of-Age-Drama in den Aggressionen der Jugendlichen, mit denen sie doch nur ihre wahren Gefühle kaschieren. Intensiv lassen Fila und Mottet Klein dabei in ihrem Zusammenspiel den Zuschauer die Reibungen und die knisternde Spannung spüren, die zwischen Thomas und Damien herrschen.

Walter Gasperi

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region folgen

Aktuelle Nachrichten