KINO: Üble und edle Wilde

Der Western hat die Filmgeschichte stark geprägt, vor allem die amerikanische. Sioux oder Komantschen mussten of als blutrünstige Wilde herhalten, doch es gibt auch Gegenbilder wie jetzt im Spätwestern «Hostiles».

Rolf Breiner
Drucken
Teilen
Mató-Tópe, Häuptling der Mandan. Zeichnung von Karl Bodmer, 1832. (Bild: Karl Bodmer)

Mató-Tópe, Häuptling der Mandan. Zeichnung von Karl Bodmer, 1832. (Bild: Karl Bodmer)

Rolf Breiner

Unser Indianerbild ist nicht ­wirklich von den Malern Charles M. Russell oder Karl Bodmer ­geprägt, sondern von Karl May und Hollywood. Russell, 1864 in Missouri geboren, ging mit 16 Jahren in den Westen nach Montana und begann den «Wilden Westen» zu dokumentieren – als Maler und Illustrator. Carl Bodmer, 1809 im Kanton Zürich geboren, begleitete Maximilian Prinz zu Wied 1832 auf seine Reisen nach Nordamerika. Er illustrierte die Reiseschilderungen des Prinzen bei den Indianern. Bodmer gilt als bester Zeichner und Maler der Indianer Nordamerikas, ihrer Kultur und Umwelt. Carl Bodmer zeichnete und ­malte Indianer akribisch mit Schmuck und in Posen, aber auch Alltags-, Jagd- und Kampfszenen.

Doch was blieb davon im Film hängen? Grösseren Einfluss auf das Indianerbild in Europa hatte der Schriftsteller Karl May, der seine Reiseerzählungen und Helden aus der Fantasie und ­Lexika schuf. Sein aufrechter, verständiger Old Shatterhand und der edle Apachen-Häuptling Winnetou zierten gar eine deutsche Briefmarke (1987). Sie füllten Tausende von Bücherseiten und in den Sechzigerjahren Kinoleinwände. Freilichtbühnen zehren noch heute davon – wie im ­innerschweizerischen Engelberg oder im deutschen Bad Segeberg.

Die Schiessbudenfiguren Hollywoods

Doch welche Rolle spielten Indianer im US-Kino? Da waren zunächst die Wilden, welche mit Trappern Handel trieben, sich gar auf Seiten europäischer ­Armeen schlugen, als sich Frankreich und England auf dem neuen Kontinent bekriegten. In der Romanverfilmung von «Der letzte Mohikaner» (1992) von Michael Mann agiert Daniel Day-Lewis im Grenzlandkrieg um 1757 als Falkenauge, ein Vermittler zwischen den Rassen.

Meistens waren die Indianer Hindernisse, Störenfriede, blutrünstige Wilde – «die Schiess­budenfiguren Hollywoods», wie sie Gunter Lange von der Volkshochschule Konstanz beschreibt. «Meist unmotiviert mussten sie Postkutschen überfallen, die Forts der US-Armee belagern, die Töchter der Farmer entführen und so den Anlass für rasante Verfolgungsjagden, Kampfszenen und blutige Gemetzel liefern.»

In unzähligen Western sind diese Klischeebilder nachzusehen. Cecil B. DeMille (Paramount Pictures) malte zwar in «The Squaw Man» (1914) ein positives Bild einer Indianerin, die sich ­opfert, bediente danach aber alle hässlichen Indianerklischees. Seine Indianer sind bedrohlich wie kindisch, barbarisch, kriminell, lächerlich und meistens feige, etwa in «The Plainsman» (Der Held der Prärie, 1937 mit Anthony Quinn als Indianer) oder in «North West Mounted Police» (Die scharlachroten Reiter, 1940).

Bei John Ford mutieren Rothäute zu Monstern und Aggressoren, beispielsweise in «Drums Along the Mohawk» (1939) oder zu Dummköpfen wie in «She Wore a Yellow Ribbon» (Der Teufelshauptmann, 1949 mit John Wayne). Die Fünfzigerjahre waren die Blütezeit des Western. Die Rolle der Rothäute änderte sich allmählich. Fords bedeutender Western «The Searchers» (Der schwarze Falke, 1956 mit John Wayne) verschiebt das Indianerbild. Häuptling Scar wird zum Gegenspieler des rassistischen Texas Rangers Ethan Edwards (John Wayne), dem Repräsentanten eines gewalttätigen, mit Verdrängung und Ausgrenzung operierenden Amerikas.

Ab den 1960er-Jahren wird das Bild differenzierter

Bisweilen tauchten Helden auf, die Verständnis und Respekt gegenüber den Indianern bewiesen, beispielsweise in Sidney Salkows «Das letzte Gefecht» (Sitting Bull, 1954), als sich ein US-Captain für den Sioux-Häuptling und seine Krieger einsetzt und als Hochverräter abgestempelt wird.

In den Sechzigerjahren wurden differenziertere Indianerfilme produziert. Elvis spielte 1960 in «Flaming Star» einen Halbblutindianer und Audrey Hepburn in «The Unforgiven» (Denen man nicht vergibt, 1960) eine Kiowa, die in einer weissen Familie aufwächst. Indianer werden gar zu Westernhelden stilisiert wie in «Apache» (Massai, 1954 mit Burt Lancaster) von Robert Aldrich, in «Chato’s Land» (1972 mit Charles Bronson) von Michael Winner oder «Little Big Man» (1970 mit Dustin Hoffman) von Arthur Penn.

Verständnis und Respekt

Einen Markstein in der Geschichte des Western setzt Kevin Costners «Dances with Wolves – Der mit dem Wolf tanzt» (1990), ein Öko-Western, in dem auch der Cheyenne Wes Studi als Pawnee-Indianer mitwirkte. Und dieser jetzt fast 70-jährige Schauspieler ist der rote Gegenspieler zum US-Captain Joseph «Joe» Blocker (Christian Bale) im Spätwestern «Hostiles». Ausgerechnet der gnadenlose Indianerjäger Blocker soll den alten Häuptling ­Yellow Hawk (Wes Studi), seit sieben Jahren im Fort Winslow inhaftiert, und seine Familie ins Stammesgebiet der Cheyenne bringen. Der todkranke Chief wünscht, in seiner Heimat zu sterben. Haudegen Joe ist wenig erbaut über den Einsatz und macht sich widerwillig mit einem kleinen Trupp von US-Soldaten auf den Weg ins «Tal der Bären» in Montana. Ein Ritt sozusagen in die Ewigen Jagdgründe. ­Komantschen, Trapper, Rancher bedrohen den Trupp. Notgedrungen bilden Officer Blocker, seine Begleiter und die Indianerfamilie eine Zweckgemeinschaft.

In «Hostiles» werden Indianer zu Partnern

Scott Cooper schuf mit «Hostiles» (Feinde) einen epischen Spätwestern. Im unerbittlichen Captain Blocker (Bale) und im würdevollen Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) spiegelt sich die amerikanische Geschichte wider – von Gewalt und Eroberung, Landnahme und Vertreibung, Rassismus und Versöhnung. Todfeinde werden zu Partnern – und gewinnen gegenseitig Respekt. Der fesselnde Western, differenziert und modern, taucht tief in die ungelöste Problematik der roten Ureinwohner und US-Kolonialisten ein und liefert dazu grandiose Bilder, gedreht in New Mexico, Arizona und Colorado.

Hinweis

«Hostiles», aktuell in den Kinos.