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KINO: «Sie hat alle diese Angriffe erlitten»

Nach «Gloria» stellt Regisseur ­Sebastián Lelio eine Transfrau ins Zentrum von «Una mujer fantástica».
Geri Krebs

Sebastián Lelio, 1974 in Mendoza (Argentinien) geboren, erlebte seinen internationalen Durchbruch mit der bittersüssen Komödie «Gloria», die 2013 den Silbernen Bären gewann. Lelio etablierte sich damit als «Regisseur der Frauen». Das beweist er nun auch mit «Una mujer fantástica», einem Drama um die Trans­gender-Frau Marina, die nach dem Tod ihres wesentlich älteren Geliebten Orlando um ihre Würde und ihr Recht auf Trauer kämpft. Neben Pablo Larraín («Jackie»), der «Una mujer fantástica» mitproduziert hat, ist Lelio heute Chiles international erfolgreichster Cineast.

Sebastián Lelio, in Europa sind in der gesellschaftlichen Debatte Gender-Themen omnipräsent. Gab es von­seiten Ihrer europäischen Co-Produzenten einen Einfluss auf die Thematik?

Nein, da liegen Sie falsch, wenn Sie suggerieren wollen, ich hätte gewissermassen ein Thema bedienen wollen, dass in Europa gerade in Mode ist. In einer frühen Drehbuchfassung war es sogar so, dass die Hauptfigur Marina keine Transsexuelle, sondern eine Frau war. Mir ging es nie darum, einen Film zu machen, bei dem die Anliegen der Transsexuellen im Zentrum stehen.

Sondern?

Ich wollte mich nach «Gloria» in Gebiete vorwagen, Territorien filmisch erkunden, die ich bisher noch nie betreten hatte. Alle meine vorherigen Spielfilme waren ja, bei allen Unterschieden, klar in der Realität verwurzelt. «Una mujer fantástica» ist demgegenüber kein realistischer Film.

An der diesjährigen Berlinale gebrauchten Sie in diesem Zusammenhang den Begriff «Transgender»-Film in einem doppelten Sinn …

Genau, «Trans-Genero» auf ­Spanisch. Denn «Genero» steht im Spanischen sowohl für das, was im Englischen «Gender» heisst, wie auch für den Begriff «Genre». Und in Bezug auf letzteres verstehe ich meinen Film als einen, der sich Kategorisierungen konsequent verweigert; der ein bisschen mit den Genres spielt. Er ist Liebesfilm, Sozialdrama und Thriller, enthält aber ebenso Elemente aus Geister-, Fantasy- und Rache-Filmen. Und so unfassbar wie der Film selber sollte auch seine Protagonistin sein. Marina ist ein Rätsel, auch sie verweigert sich jeglicher Schubladisierung, niemand weiss, wer sie wirklich ist. Aber sie wirkt als Spiegel, die Zuschauer sollen sich in ihr erkennen.

Deshalb erscheinen Spiegelungen so häufig im Film?

Ja, dabei funktioniert mein Film als Spiel, das durch ein Dreieck charakterisiert ist: Der Zuschauer beobachtet die handelnden Personen und bildet sich dabei ein Urteil über Marina, und er sieht ihre Opponenten – Orlandos Familie, aber auch Polizei und Spitalpersonal – wie diese sie definieren und beschimpfen. Doch Marina bleibt fast durchwegs ruhig, lässt sich nicht provozieren und blickt stattdessen in die Kamera, auf die Zuschauer, scheint sie zu fragen: «Und, was denken Sie darüber? Bin ich eine legitime Existenz, bin ich verrückt, oder soll ich einfach verschwinden?»

In dieser Hinsicht scheint der Film aber auch realistisch. Sie ergreifen klar Partei für Marina, zeigen sie oft in Grossaufnahmen.

Da kann ich Ihnen recht geben: Daniela Vega, die Marina spielt, ist ja selber eine Transfrau und ihre Figur habe ich grösstenteils in Zusammenarbeit mit ihr entwickelt. Dabei sind alle Angriffe, Beschimpfungen und Beleidigungen, welche die von ihr verkörperte Figur im Film erleidet, solche, die sie selber im realen Leben erlitten hat. Da habe ich gar nichts dazu erfunden.

Wie hätten denn Sie selbst als 20-Jähriger reagiert, wenn Ihr Vater respektive Stiefvater die Familie verlassen hätte, um mit einer Transfrau zu leben?

Ich kann nur antworten: Ich weiss es nicht.

Interview: Geri Krebs

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

«Una mujer fantástica» startet am Freitag im Kinok St. Gallen, weitere Kinos folgen.

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