KINO: Selbst ein Sturm lässt keine Dramatik aufkommen

Lakonisch, aber mit einer gehörigen Portion sanften Humors erzählt Hirokazu Kore-eda in «After the Storm» von einem spielsüchtigen Mann, der seine Ex-Frau und seinen Sohn zurückgewinnen will.

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Vom Meisterwerk «Nobody Knows» über «Still Walking», den Publikumserfolg «Like Father, Like Son» bis zu «Our Little Sister» – Hirokazu Kore-eda gewann dem Thema Familie immer wieder neue Facetten ab. Stand dabei oft die schwierige Situation von Kindern im Mittelpunkt, so fokussiert er nun auf den etwa 50-jährigen Ryota.

Einst ein vielversprechender Schriftsteller, schlägt er sich nun als Privatdetektiv durch und verliert sein Einkommen meist umgehend bei Wetten. Seine Frau hat ihn vor längerem verlassen, den elfjährigen Sohn darf er nur einmal pro Monat besuchen. Mit der Unterhaltszahlung ist er meist in Verzug, seine Finanzen versucht er aufzubessern, indem er den Personen, die er als Privatdetektiv beschattet, das belas­tende Material gegen Bezahlung überlässt. Ein ziemlicher Windhund ist Ryota. Dennoch gelingt es Kore-eda, der auch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich zeichnet, und Schauspieler Hiroshi Abe, für diesen ungepflegten Mann, der mit sich und seinem Leben nicht zurechtkommt, Sympathie zu wecken.

Man nimmt Anteil an ihrem Leben

Studieren kann man an den Familiengeschichten Kore-edas, wie sehr Film eine Frage des Blicks ist. Nachsicht, Mitgefühl, Wärme – oder, zusammengefasst, eine tiefe Menschlichkeit – kennzeichnen alle Filme des 55-jährigen Japaners. Hier gibt es keine guten oder bösen Charaktere, sondern alle sind mehr oder weniger vom Leben geprägt, müssen sich mit der Realität zurechtfinden und leiden darunter, dass sich ihre Träume nicht erfüllt haben. Beiläufig entwickelt sich die Handlung. Schon im eröffnenden Gespräch zwischen Ryotas Mutter und seiner Schwester schlägt Kore-eda einen leichten, von sanftem Humor durchzogenen Ton an. Wenn hier Neujahrskarten geschrieben werden, kommt das Thema des Neubeginns und des Lebens als ständiger Wandel ins Spiel. Abrupt wechselt «After the Storm» mit einem Schnitt zu Ryota. Seinen Wegen folgt der Film, zeigt ihn bei der Arbeit, an der Radrennbahn, in seiner zugemüllten Wohnung oder wie er mit einem Kollegen seiner Ex-Frau und seinem Sohn nachspioniert. Nichts Aufregendes passiert, auf dramatische Wendungen wird verzichtet. Allein der genaue, feinfühlige Blick für Situationen und Gesten sorgt dafür, dass man sich mit den Charakteren verbunden fühlt und an ihrem Leben Anteil nimmt.

Leichthändig wird dann die zerbrochene Familie zumindest räumlich zusammengeführt, wenn Ryota zunächst einen Tag mit seinem Sohn verbringt, dann abends die Mutter in die Wohnung der Oma kommt und aufgrund des aufkommenden Sturms alle gemeinsam die Nacht verbringen. Auch hier lässt Kore-eda weder durch den Sturm noch durch die zwischenmenschlichen Begegnungen Dramatik aufkommen. Die langen Aussprachen filmt er nicht im emotionalisierenden Schuss-Gegenschuss-Verfahren, sondern in ruhigen Halbtotalen. Ein Happy End darf man nicht erwarten, aber die Einsicht, dass jeder weiter daran arbeiten muss, der zu werden, der er sein will.

Walter Gasperi

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

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