KINO: Rekonstruktion eines angekündigten Todes

Regisseur Amos Gitai schafft in «Rabin, the Last Day» eine faszinierende Collage über den Todestag von Yitzhak Rabin. Ein Werk von bestürzender Aktualität.

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«Rabin, The last Day» verbindet nachgestellte Szenen mit dokumentarischen Bildern und Archivmaterial. (Bild: PD)

«Rabin, The last Day» verbindet nachgestellte Szenen mit dokumentarischen Bildern und Archivmaterial. (Bild: PD)

Nein, einen Hehl macht Amos Gitai nicht daraus, wen er letztendlich für einen der geistigen Urheber beim Mord an Yitzhak Rabin hält. Am 4. November 1995 war Rabin, damals Israels Ministerpräsident, in Tel Aviv am Ende einer Grosskundgebung zur Un­terstützung des Friedensprozesses aus nächster Nähe erschossen worden.

Der Mörder Jigal Amir, ein von nationalistisch-religiösem Hass getriebener 25-jähriger israelischer Student, konnte zwar noch am Tatort verhaftet und später zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Doch über die Umstände, die es ermöglicht ­hatten, dass ein Regierungschef ungeschützt in der Menschenmenge gestanden hatte, war damit noch nichts ausgesagt. Und über das aufgeheizte Klima, in dem dieser Mord geschah, schon gar nicht. So hatte auf einer Demonstration in Jerusalem ­einen Monat zuvor ein gewisser Benjamin Netanjahu am Zionsplatz eine Brandrede gegen den von Rabin mitinitiierten Friedensprozess mit den Palästinensern gehalten. An dieser De­monstration wurde ein grosser Sarg mitgetragen, auf dem Rabins Namen stand. Und ganz in der Nähe Netanjahus wurden vor einer laufenden Fernsehkamera Bilder hin- und hergeschwenkt, die eine Fotomontage von Rabin in SS-Uniform zeigten. Der heutige israelische Regierungschef Netanjahu war in jener bewegten Zeit Oppositionsführer, als nach dem Oslo-Friedensabkommen von 1993 mit den Palästinensern in Israel die Emotionen hoch­gingen.

Jedes Wort ist dokumentiert

Amos Gitais Film zeigt diese Momente, und er verwendet in äusserst dichter Montage viel Zeit und Raum für die Veranschaulichung jenes Milieus, in dem sich der Mörder Jigal Amir bewegte: die nationalistisch-religiösen Siedler, für die jeder Ausgleich mit den Palästinensern Landesverrat bedeutete. In inszenierten Szenen erlebt man mit, wie ein rechtsorthodoxer Rabbiner vor einer Versammlung einen religiösen Fluch gegen Rabin ausspricht und denjenigen als «Gottgefälligen» preist, der ihn tötet. Dabei ist jedes Wort dokumentiert, das in «Rabin, the Last Day» gesprochen wird, es gibt keine erfundenen Dialoge. Der Film holt in gewisser Weise nach, was damals versäumt wurde – eine Untersuchung über die Kreise, die heute zu den Unterstützern und Koalitionspartnern der aktuellen israelischen Regierung gehören.

Doch Gitais Film, der seine Premiere 2016 am Festival in Venedig erlebt hatte, ist darüber hin­aus auch visionär, weist über Israel hinaus. Auf den Punkt bringt das ein Satz des Kritikers der «New York Times», der auf dem Plakat für den US-Markt steht: «Ich hoffe, dass möglichst viele Amerikaner sich diesen Film ansehen – wegen der Warnung, die in ihm enthalten ist.»

Geri Krebs

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

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