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KINO: Liebe, die unter die Schuppen geht

In «The Shape of Water» liebt eine Frau ein Fischwesen. Der Oscar-Favorit ist ein Märchen für Erwachsene, das einen von Anfang an in seinen Bann zieht.
Lory Roebuck
Sally Hawkins in der Rolle der stummen Putzfrau Elisa, die sich mit dem gefangenen Fischwesen befreundet. (Bild: 20th Century Fox)

Sally Hawkins in der Rolle der stummen Putzfrau Elisa, die sich mit dem gefangenen Fischwesen befreundet. (Bild: 20th Century Fox)

Lory Roebuck

Es gibt Filme, bei denen schon während des Abspanns klar ist, dass wir sie für immer ins Herz schliessen. «The Shape of Water» («Das Flüstern des Wassers») ist so ein Film, ein Sofort-Klassiker. Das amerikanische Fantasydrama gilt als grosser Favorit bei den diesjährigen Oscars; er wurde in dreizehn Kategorien nominiert. Dabei wirkt die Story auf den ­ersten Blick völlig verrückt: Eine stumme Putzfrau verliebt sich in ein monströses Fischwesen. Und die beiden haben sogar Sex miteinander.

Ausgedacht hat sich das der wahrscheinlich einzige Mann, der daraus eine herzergreifende Liebesgeschichte zu spinnen vermag: Guillermo del Toro. Der 53-jährige Mexikaner gilt nicht nur als Spezialist für ausgefallene Kinomonster, sondern seine Talente kommen auch zur Geltung, wenn es darum geht, zwischen Wirklichkeit und (Alb-)Traum eine faszinierende Halbwelt zu er­schaffen. Sein Film «Pan’s Laby­rinth» aus dem Jahr 2006) galt bislang als Paradebeispiel seines einzigartigen Filmstils. «The Shape of Water» ist mindestens so gut.

Die Filmhandlung spielt im Jahr 1962 in einem amerikanischen Geheimlabor. Darin forschen Wissenschafter an einer mysteriösen Wasserkreatur und ihren sonderbaren Kräften – in der Hoffnung, sich im Kalten Krieg den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Die stumme Putzfrau Elisa – genial verkörpert von Sally Hawkins – freundet sich mit dem Wesen an, das in einem Wassertank gefangen gehalten wird und wie ein Mensch zwei Beine hat, allerdings nicht sprechen kann. Als Elisa sieht, wie es von einem Armeeoffizier (Michael Shannon) brutal gefoltert wird, beschliesst sie eine waghalsige Rettungsaktion.

Parabel über die Furcht vor dem Anderen

Regisseur Guillermo del Toro war sechs Jahre alt, als er den Film «Creature from the Black Lagoon» («Der Schrecken vom Amazonas», 1953) zum ersten Mal sah. Er sei damals überzeugt gewesen, dass es zwischen dem grusligen Wasser­wesen und der schönen Hauptdarstellerin Julie Adams zu einem Happy End kommen müsse, erinnerte sich del Toro in einem Interview. Stattdessen wird die Kreatur jedoch von einem heldenhaft wirkenden Mann erschossen. Diese für ihn monströse Ungerechtigkeit habe er nun, knapp fünfzig Jahre später, mit «The Shape of Water» wieder rück­gängig machen wollen.

In seinem Film stellt er das Prinzip des heldenhaften Mannes auf den Kopf. Del Toro zeigt den Armeeoffizier nebenbei als typisches Familienoberhaupt mit Cadillac, Einfamilienhaus, zwei Kindern und einer Ehefrau, von der er keinen Widerspruch duldet. Das Wesen im Labor erachtet er als Ausgeburt der Hölle. Als Elisas Arbeitskollegin Zelda ­(Octavia Spencer) gegen seine Folter protestiert, entgegnet er: «Gott hat Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. Glauben Sie ernsthaft, dass Gott wie dieses Monster aussieht?» Wer im Film das wahre Monster ist, wird schnell klar.

«The Shape of Water» wird auf diese Weise zu einer potenten Parabel über die Furcht vor dem Anderen – und wie man sich von dieser Furcht befreit. Im Prinzip ist der Film ein Gegenstück zu «Die Schöne und das Biest», ­allerdings mit einer Heldin, ­deren Schönheit von innen heraus leuchtet, und mit einem ­Helden, der sich nicht in einen schönen Prinzen zurückverwandeln muss, um wirklich liebenswert zu sein.

Wie bereits in «Pan’s Labyrinth» bemüht sich Guillermo del Toro gar nicht erst darum, die politische Botschaft des Films zu verschleiern. Diese wirkt allerdings nie aufgesetzt, sondern sinnlich, poetisch, cineastisch. Der Film besticht in allen Be­langen – von der prächtigen Ausstattung über die ergreifende Filmmusik von Oscar-Gewinner Alexander Desplat bis hin zu den spannenden Nebenfiguren. Da ist zum Beispiel Elisas älterer, homosexueller Nachbar (Richard Jenkins), der jeden Tag eine ­Torte kauft, die ihm nicht schmeckt, weil er heimlich in den jungen Mann hinter der Kasse verliebt ist.

Wichtig sind Blicke, Gesten und sprechende Bilder

Del Toro verwebt viele kleine ­solcher Aussenseitergeschichten zu einem fulminanten Ganzen, zu einem Märchen für Erwach­sene, das an unseren Kopf ap­pelliert, aber uns in der Magen­gegend packt. Dass Elisa und die Kreatur beide stumm sind, ist natürlich kein Zufall, sondern ein passender Kunstgriff. Obwohl del Toros Filmhelden unter­schied­lichen Welten entstammen, begegnen sie sich vom ersten Moment an auf Augenhöhe. Über Zeichensprache und Musik nähern sie sich einander an, sanft, verspielt, verträumt. Wie in einem Stummfilm spielt sich die eigentliche Handlung in Blicken, Gesten und sprechenden Bildern ab.

So schaut Elisa nach der Arbeit jeweils Musicals im Fern­sehen. Regisseur del Toro bezeugt damit nicht nur seine ­Liebe zu alten Hollywood-Tanzfilmen, sondern nutzt diese als Metapher für das lebendige Innenleben des stummen Mädchens, das im namenlosen Fischwesen einen Seelenverwandten entdeckt. Guillermo del Toro filmt das mit so viel ­Sympathie und Liebe für seine Protagonisten, dass man als Zuschauer keine Sekunde daran zweifelt, dass sich eine Frau in ein Zwei-Meter-Wesen mit Schuppen, Reptilienaugen und scharfen Zähnen verlieben kann. Es ist eine Liebe, die unter die Schuppen geht.

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