Kino-Hits im 2019: Der Joker besteigt den Thron, in der Schweiz sind die Jungen auf dem Vormarsch, Netflix trifft mitten ins Herz

Joker hier, Joker da. Aber auch Südkorea, talentierte Europäerinnen und nicht zuletzt Netflix sorgten 2019 für grosses Kino – wir haben die Hitparade. 

Regina Grüter, Daniel Fuchs
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International: «Joker» und «Parasite»

Wir haben ihn als «raffiniertesten Film des Jahres» bezeichnet, «Parasite» war auch der überraschendste. Eine arme Familie schleicht sich bei einer reichen ein. Der Hausherr schnüffelt, wenn der Chauffeur in der Nähe ist. Er kann den Geruch der Armut nicht ertragen, kann das aber selber nicht recht einordnen. Der Chauffeur hingegen schon. Was für ein starkes Bild! Und für den Plot von entscheidender Bedeutung. Fest im Kopf bleibt auch jenes, als Vater und Sohn, nachdem das Ganze aus dem Ruder gelaufen ist, bei sintflutartigem Regenfall von der Villa über eine lange Treppe in die Niederungen ihrer Behausung hinababsteigen. Alles versinkt im Morast. Doch «Parasite» ist eben nicht nur Drama und Thriller, sondern auch Komödie.

«Joker» hingegen ist kein bisschen lustig. In Gotham City des Jahres 1981, angelehnt an New York City dieser Zeit, geht tatsächlich alles den Bach runter. Die Comicverfilmung, die jegliche Erwartungen unterläuft, schlägt «Parasite» nur ganz knapp, und das liegt vor allem an Joaquin Phoenix, der mit seiner ungemein körperlichen Darstellung die geschundene Seele dieses jämmerlichen Clowns nach aussen kehrt. Wenn er dafür nicht den Oscar gewinnt … Die Figur des Arthur Fleck ist glaubhaft und weckt das Mitgefühl des Zuschauers, schockiert aber auch. Wenn man sein Handeln versteht oder zumindest nachvollziehen kann, heisst das noch lange nicht, dass man es gut findet. Das Psychogramm ist in erster Linie Kritik am Zustand der Gesellschaft, die Kritik am Handeln des Jokers impliziert. Und wieder ist da eine Treppe: Wie Arthur Fleck, verwandelt in den Joker, die Stufen herunter tänzelt, die Szenerie, die Musik, einfach grandios.

«Joker» erzählt die Ursprungsgeschichte von Arthur Fleck (Joaquin Phoenix).

«Joker» erzählt die Ursprungsgeschichte von Arthur Fleck (Joaquin Phoenix). 

Bild: Niko Tavernise, AP

«Joker» hat in Venedig Weltpremiere gefeiert, «Parasite» in Cannes, und beide gewannen sie jeweils den Hauptpreis – das spricht für die europäischen Festivals. «Burning», der letztes Jahr an der französischen Riviera die Kritik begeisterte, kam Anfang Jahr ins Kino: Die Laufbahn von Werken aus dem grossen Filmland Südkorea endet schon lange nicht mehr an europäischen A-Festivals – «Parasite» läuft seit dem 1. August ununterbrochen im Kino.

Netflix und starke europäische Frauen

Auch Netflix-Filme finden immer häufiger den Weg ins Kino. Nach unserem letztjährigen Gewinner «Roma» hat der Streamingdienst uns heuer mit dem feinfühligen Scheidungsdrama «Marriage Story» und dem erschöpfenden Mafiaepos «The Irishman» zwei total unterschiedliche, aber gleichrangig tolle Filme beschert – Noah Baumbach seziert eine Beziehung, Martin Scorsese die Verstrickungen von Politik und Wirtschaft mit der Cosa Nostra. Wie sagte «Star Wars»-Regisseur J. J. Abrams unlängst im Interview mit dieser Zeitung? – «Als Nächstes will ich Teil der Welle sein, die als Gegengewicht zu all den Sequels und Reboots, die wir momentan sehen, neue Geschichten im Kino erzählt.»

Scorsese und Baumbach gehören zu den Regisseuren, die zu den Streamingportalen abwandern, weil sie dort neben absoluter künstlerischer Freiheit auch garantiert bekommen, dass ihr Film vorab einige Wochen exklusiv im Kino läuft. Könnte das dazu führen, dass wir neben dem goldenen TV-Zeitalter bald auch wieder ein goldenes Kinozeitalter erleben? Wir können als Zuschauer einen erheblichen Beitrag leisten: Sehen Sie sich die Filme unbedingt im Kino an! Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mit «Joker» ausgerechnet eine Comicverfilmung den ersten Platz in unseren Top 10 einnimmt, wo Martin Scorsese diesen doch jeden künstlerischen Wert absprach. Aber eben, «Joker» hat mehr gemein mit «Taxi Driver» als etwa mit «Avengers: Endgame». Obwohl wir mit dem amerikanischen Meisterregisseur nicht ganz einiggehen: In die Top 20 gehört der vierte «Avengers», kommerziell erfolgreichster Film aller Zeiten, auf jeden Fall.

Was uns aber fast am meisten freut, ist, dass aus europäischer Sicht die Frauen vorn liegen. Wie Céline Sciamma weibliche Sinnlichkeit auf die Leinwand bannt und Nora Fingscheidt ein Übermass an kindlicher Energie in eine ebenso energetische Filmsprache übersetzt, brennt sich tief ein. Und «The Favourite»? Dahinter steht zwar ein Mann, aber die drei Hauptdarstellerinnen erst machen das frivole Historienspiel zum gehobenen Vergnügen. Dafür gab’s nach zehn Oscarnominierungen bei nur einem Gewinn kürzlich acht europäische Filmpreise, natürlich auch für Oscargewinnerin Olivia Colman. Endlich kennt sie jeder, die britische Schauspielerin, die in der Serie «The Crown» erneut als Königin brilliert. Gäbe es eine Top 10 der Schauspielerinnen, wäre sie unsere Nummer 1.

Top Ten. Film International

  1. Joker» Regie: Todd Phillips
  2. «Parasite» Bong Joon-ho
  3. «Portrait de la jeune fille en feu» Céline Sciamma
  4. «The Lighthouse» Robert Eggers
  5. «Systemsprenger» Nora Fingscheidt 
  6. «Burning» Lee Chang-dong
  7. «Marriage Story» Noah Baumbach 
  8. «The Favourite» Yorgos Lanthimos 
  9. «The Irishman» Martin Scorsese
  10. «Monos» Alejandro Landes

Schweizer Film: Die Jungen sind auf dem Vormarsch

Spielfilme führen die Top 10 zahlenmässig an – das ist für ein ausgesprochenes Dokumentarfilmland wie die Schweiz schon aussergewöhnlich. An der Spitze steht dennoch ein Dokfilm: «Closing Time», der zweite lange Film von Nicole Vögele, ist Kino in Reinkultur.

Eine Szene aus «Closing Time».

Eine Szene aus «Closing Time».

Bild: PD

Der poetische Essay übers nächtliche Taipeh kommt völlig ohne Kommentar aus; der langsame Rhythmus und das Repetitive der Szenen versetzen den Betrachter in eine Art meditativen Zustand.

Auch Mischa Hedingers Dokumentation «African Mirror» bedarf keines Kommentars, derart klug sind die Archivaufnahmen des Schweizers René Gardi montiert. Und er bestätigt einen anderen Trend: Noch stärker als letztes Jahr haben junge Filmemacher mit ihren Langfilmdebüts für Akzente gesorgt.

Aus Spielfilmsicht liefert der Tessiner Francesco Rizzi mit «Cronofobia» das perfekte Drama. Hans Kaufmann, mit Jahrgang 1991 der Jüngste, gelang mit «Der Büezer» eine beachtliche Milieustudie. Und eine derart rasante und visuell verspielte Komödie wie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» hat hierzulande Seltenheitswert. Damit überstrahlen sie die zwei Grossproduktionen und kommerziell erfolgreichsten Filme des Jahres, «Zwingli» und «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes». Obwohl, gäbe es eine Top 10 der Kostüme, «Zwingli» wäre auf Platz 1.

Top Ten. Film national

  1. «Closing Time» Regie: Nicole Vögele
  2. «Gateways to New York» Martin Witz 
  3. «Il mangiatore di pietre» Nicola Bellucci
  4. «Cronofobia» Francesco Rizzi
  5. «Der Büezer» Hans Kaufmann
  6. «Les dames» Stéphanie Chuat und Véronique Reymond
  7. «Baghdad In My Shadow» Samir
  8. «Al-Shafaq – Wenn der Himmel sich spaltet» Esen Işık 
  9. «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» Natascha Beller
  10. «African Mirror» Mischa Hedinger

TV-Serien: Erschütternde Momente bescherten das ganz grosse Serienglück

Drei Miniserien bei Netflix prägten das TV-Jahr 2019 und trafen mitten ins Herz. «When They See Us» ist eine Doku-Fiktion und erzählt die Geschichte der sogenannten Central Park Five. Fünf Kinder und Jugendliche, Afro- und Lateinamerikaner, landen nach einem brutalen Vergewaltigungsfall im New Yorker Stadtpark unschuldig hinter Gittern. Die Jungs wurden später rehabilitiert.

Eine Szene aus der Doku-Fiktion «When They See Us».

Eine Szene aus der Doku-Fiktion «When They See Us».

Bild: PD

Wer nach der Serie weiter weinen will, der kann das in einem Special mit Talkmasterin Oprah Winfrey. Bei ihr zu Gast: die echten Central Park Five. Andersrum erzählt «Unbelievable» die Geschichte eines jungen Vergewaltigungsopfers, dem nicht geglaubt wird und das auch noch wegen «Falschaussagen» verurteilt wird.

Mindestens ebenso berührend ist die französisch-israelische Co-Produktion «The Spy» mit dem Komiker Sacha Baron Cohen. Cohen, für einmal ganz ernsthaft, spielt den echten Eli Cohen im Dienste Israels, der in den 60ern Syrien ausspionierte und sein Leben liess. Das ist wahnsinnig packend und schlicht und ergreifend gut gespielt.

Aus Schweizer Produktion schafft es wiederum die SRF-Serie «Seitentriebe» von Güzin Kar in die Top Ten. Staffel 2 über das Beziehungsleben Giannis und Neles hält uns den Spiegel vor und ist noch fast besser als Staffel 1.

Top-Ten-Serien

  1. «When They See Us» Ava DuVernay, Netflix
  2. «The Spy» Gideon Raff, auf Netflix
  3. «Unbelievable» Susannah Grant, Netflix
  4. «The Crown Staffel 3» Peter Morgan, bei Netflix
  5. «Undone» K. Purdy, R. Bob- Waksberg, Amazon Prime
  6. «Seitentriebe Staffel 2» Güzin Kar, SRF (nicht mehr verfügbar)
  7. «True Detective Staffel 3» Nic Pizzolatto, Sky Show
  8. «Euphoria» Sam Levinson, Sky Show
  9. «The Devil Next Door» Y. Bloch, D. Sivan, Netflix
  10. «Better Than Us» Andrej Dschunkowski, Netflix
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