KINO: Hauptsache, es nützt dem gesellschaftlichen Aufstieg

Mit «Love and Friendship» hat Whit Stilman einen bislang noch unverfilmten Roman von Jane Austen fürs Kino adaptiert. Eine pointierte, elegant inszenierte Gesellschaftskomödie um eine Frau, die um ihren Rang kämpft.

Andreas Stock
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Lady Susan (Kate Beckinsale, links) und Freundin Alicia (Chloë Sefigny) hecken neue Verkupplungsstrategien aus. (Bild: PD/Frenetic)

Lady Susan (Kate Beckinsale, links) und Freundin Alicia (Chloë Sefigny) hecken neue Verkupplungsstrategien aus. (Bild: PD/Frenetic)

Das Thema ist zwar aus anderen Jane-Austen-Büchern vertraut: Es geht ja stets darum, welchen Mann die Protagonistinnen heiraten wollen oder sollten. Ob der Kandidat ein Entscheid des Herzens oder gesellschaftlicher und ökonomischer Zwänge ist. Doch so ironisch funkelnd wie in «Love and Friendship» hat man das kaum erlebt. Regisseur Whit Stillman hat hier den unvollendeten und lange unveröffentlichten Briefroman «Lady Susan» von Austen erstmals verfilmt. Lady Susan Vernon ist so schillernd zwiespältig gezeichnet wie keine andere Heldin der Autorin. Die junge, attraktive Witwe (Kate Beckinsale) sieht sich nach dem Tod des Gatten ohne Besitz und Vermögen. Zudem muss sie für ihre Tochter Frederica einen wohlhabenden Gatten finden, weil sie das Schulgeld für die schüchterne Jugendliche kaum finanzieren kann. Als Lady Susans Affäre mit ihrem Gastgeber, dem verheirateten Lord Manwaring auffliegt, muss sie dessen Landsitz verlassen und reist zum Anwesen ihres Schwagers Charles und seiner Frau Catherine Vernon. Hier trifft sie auf den jungen Reginald (Xavier Samuel).

Mit ihrer amerikanischen Freundin Alicia Johnson (Chloë Sevigny) entwirft die kluge, berechnende Lady Susan immer wieder Ränkespiele. Denn einerseits will sie Frederica mit dem reichen, aber ungebildeten Sir James Martin verheiraten. Anderseits flirtet sie unverblümt mit Reginald, der bald völlig eingenommen ist von Susan, um die sich zahlreiche skandalträchtige Gerüchte ranken, die Reginald aber nicht mehr beeindrucken. Die britische Schauspielerin Kate Beckinsale verkörpert die spitzzüngige, raffinierte Lady Susan genüsslich. Und sie hält diese Frau souverän in der Balance, überlässt es uns, ob wir Verständnis für ihre Situation haben oder sie für verfroren halten. Susan versucht, für sich und ihre Tochter den gesellschaftlichen Aufstieg zu sichern. Dabei nutzt sie alles an Charme, Wortgewandtheit und taktischem Kalkül, die sie aufzubieten vermag – und das ist nicht wenig.

Sich auf seine Stärken zu konzentrieren und aus den finanziellen Beschränkungen das Optimum zu machen, das gelingt auch US-Regisseur Whit Stillman («Metropolitan») ausgezeichnet. Er weiss, wie man ein pointiertes Konversationsstück inszeniert, und er verfügt über ein sich wunderbar ergänzendes Schauspielerensemble. Die Inszenierung umgeht hauptsächlich mit Innenaufnahmen und Szenen in Parks (gedreht wurde in Irland) eine allzu aufwenige Ausstattung, während die Kamera sich auf das Spiel der Darsteller konzentriert. Dafür gelingt es Eimer Ni Mhaoldomnaigh, mit ihren Kostümdesigns den Charakter der Protagonisten zu unterstreichen. Beispielsweise, wenn sie Lady Susan von der trauernden Witwe in Schwarz über mehrere Farben bis zum schliesslich alle überstrahlenden Rot wechseln lässt.

Andreas Stock

andreas.stock

@tagblatt.ch

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