«Kino hat meine Phantasie geprägt»

Die Kulturwissenschafterin Elisabeth Bronfen über Hollywoods jüdische Wurzeln, über den Wandel der Stars, die keine Halbgötter mehr sind, und über die Abwanderung der Kreativität ins Fernsehen. «Hollywood erzählt Geschichten», sagt sie, «das macht es so attraktiv.»

Rolf App
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Frau Bronfen, erinnern Sie sich, wann Sie den ersten Hollywood-Film gesehen haben – und wie er hiess?

Elisabeth Bronfen: Nein. Was es war, daran erinnere ich mich garantiert nicht. Wenn Sie mich fragen, wo es war, dann tippe ich entweder aufs Fernsehen – damals wurden im deutschen Fernsehen viele Spielfilme gezeigt – oder auf unser Programmkino in München, wo ich aufgewachsen bin.

Sind Filme wichtig gewesen für Ihr Erwachsenwerden?

Bronfen: Filme waren ganz entscheidend – neben der Literatur und dem Klavierspielen. Es gab damals in München fünf Programmkinos, da bin ich sehr, sehr regelmässig hingegangen. Auf diesem Weg habe ich mir ganz vieles an moralischem und historischem Wissen angeeignet. Und das Gespür für Szenen, für Farben, für Emotionen. Das Kino hat meine Phantasie stark geprägt.

Und warum beschäftigt Sie der Film heute als Universitätsprofessorin immer noch so intensiv?

Bronfen: Ich habe zuerst nicht über Kino geschrieben, sondern über Literatur. Dann aber habe ich erkannt, dass man am Kino – und vor allem am Hollywood-Mainstream-Kino – erkennen kann, was die Menschen beschäftigt. Angst und Glück sind die Extreme, die das Kino bedient.

Gilt das auch für Sie persönlich?

Bronfen: Das wäre der zweite Teil der Antwort. Ich beschäftige mich gerade mit dem Philosophen Stanley Cavell und habe vor kurzem den köstlichen neuen Film «Hail, Caesar!» der Brüder Ethan und Joel Cohen gesehen. Beides hat mir bewusst gemacht, dass Kino auch eine Form von Autobiographie darstellt. Es ist ein Weg, darüber nachzudenken, woher ich komme, und wie ich mich entwickelt habe.

Kehren wir zurück nach Hollywood, wo solche Filme produziert werden. Was ist das für ein Ort?

Bronfen: Hollywood, heute ein Teil von Los Angeles, liegt am Ende des amerikanischen Kontinents. Der Duft von Zitrusfrüchten liegt in der Luft, es gibt ein ganz besonderes Licht. Man kann verstehen, warum die Gegend für so viele Emigranten zum Anziehungspunkt werden konnte, zu einer Art Paradies. Was nicht mit dem heutigen, teils ziemlich schmuddeligen Hollywood zu vergleichen ist.

Sie erwähnen die Emigranten, die Hollywood geschaffen haben: Es waren Juden aus Mitteleuropa, die sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hier niedergelassen haben. Wie haben sie die Entwicklung des Films geprägt?

Bronfen: Alle wussten es zwar. Aber dass sie Juden waren, haben diese Pioniere tunlich für sich behalten. Noch bis in die Fünfzigerjahre grassierte in den USA ein starker Antisemitismus. Der Schriftsteller Philip Roth berichtet, es habe damals Bars gegeben, die Juden, Schwarzen und Hunden den Zutritt verweigert hätten. Beverly Hills, wo heute viele Stars wohnen, ist nur entstanden, weil man Juden in Hancock Park nicht wollte, dem schicken Teil von Los Angeles.

Das Judentum wurde also verdrängt. Ist es trotzdem zu spüren?

Bronfen: Gewiss. Auf chiffrierte Art fliesst jüdisches Denken und jüdische Lebenskultur in den amerikanischen Film ein und verbindet sich mit uramerikanischen kulturellen Werten. Die Emigranten waren arm, sie wollten sich assimilieren – und fanden gerade deswegen eine gemeinsame Sprache für das ganze Land. So hat sich jüdisches Denken in die Dialoge, die Bilder, die Geschichten eingeschrieben.

Und wie hat Hollywood es geschafft, zu einem globalen Filmzentrum zu werden – und sich als solches bis heute zu behaupten?

Bronfen: Zynisch – und auch nicht ganz zutreffend – könnte man es so erklären, dass halt viel Geld dahintersteckt. Eine riesige Werbemaschinerie begleitet jeden Blockbuster. Dennoch erscheint mir etwas anderes doch wesentlicher: Hollywood erzählt Geschichten, das macht es so attraktiv für ein breites Publikum rund um den Erdball.

Was für Geschichten sind das?

Bronfen: Es handelt sich um einfache Geschichten, an deren Ende immer eine Art von Sinnstiftung steht. Wer sich diese Filme anschaut, wird unterhalten und erwirbt zugleich eine gewisse moralische Bildung. Ausserdem produziert Hollywood jenen Glamour, von dem eine gewisse Magie ausgeht. Ich spreche deshalb auch von einer säkularen Religion. Ausserdem ist Hollywood ehrlich.

Wie meinen Sie das?

Bronfen: Hollywood erklärt uns: Wir sind Täuschung. Wir sind auch nicht tiefsinnig – obwohl es tiefsinniger ist, als es zugibt. Seine Filme fokussieren auf Figuren, mit denen man sich identifizieren kann. Es pflegt einen Stil, der zugleich wandelbar und in einer Entwicklung verankert ist. Auf diese Wurzeln bezieht sich zum Beispiel ein Film wie «The Hateful Eight» von Quentin Tarantino, in dem achtzig Jahre Western mitschwingen. So etwas funktioniert wie in der klassischen Malerei. Gemälde aus dem 17. Jahrhundert beziehen sich gut sichtbar auf dreihundert Jahre Malereigeschichte. Bestimmte Filme tun etwas Ähnliches.

Wir sind jetzt bei den tieferen Schichten des Filmgenusses angekommen, im psychischen Untergrund sozusagen. Die Frage wird Sie überraschen: Wenn Sie einen Tag lang mit Sigmund Freud ins Kino gehen könnten, was würden Sie sich anschauen?

Bronfen (lacht laut heraus): Sicher den einen oder andern Film von Alfred Hitchcock. Um herauszufinden, ob meine Thesen stimmen. Ich würde wahnsinnig gern mit ihm ein klassisches Musical sehen. Was würde er zu Fred Astaire und Ginger Rogers sagen, dem weltbekannten Leinwand-Tanzpaar? Auch Western und Kriegsfilme dürften nicht fehlen, verbunden mit der Frage, wie Sigmund Freud die Ästhetisierung von Gewalt versteht.

Sie selber haben sich vertieft mit den Hollywood-Kriegsfilmen befasst. Wie hat sich denn die Darstellung von Gewalt verändert?

Bronfen: Bis 1960 herrschte eine Art Selbstzensur, manches wurde nur indirekt angesprochen. So ging es mit Erotik und Sex, so ging es mit der Gewalt, die allerhöchstens verbalisiert wurde. Später durfte man sie zeigen, und da nutzte und nutzt Hollywood das Arsenal seiner Möglichkeiten aus. Bis heute zeigt ein Regisseur im Kriegskino, wozu er technisch in der Lage ist. Das kann in Extremfällen, etwa in Quentin Tarantinos «Inglorious Basterds», auch ins Parodistische kippen.

Jenseits der Kriegsfilme: Was macht der Mensch eigentlich, wenn er im Kino sitzt?

Bronfen: Das hängt von der Gattung ab. Beim Biopic kann er Geschichtswissen erwerben. Liebeskomödien, Melodramen und Musicals eignen sich gut für persönliche Projektionen: Ich denke mich in die Lebenswelt eines anderen hinein. Allerdings glaube ich, dass viele Filme auf mehreren Ebenen funktionieren, dass ihre Wirkung also nicht so einfach zu beschreiben ist.

Mit dem Film treten auch die ersten Stars ins Rampenlicht. Wie hat sich dieses Phänomen verändert?

Bronfen: Die Stars von heute geben den Halbgottstatus früherer Zeiten auf. Damit schwindet ihr Zauber und damit auch ihre Langlebigkeit. Die Stars von früher wurden von den Studios aufgebaut, sie waren glamouröse, perfekte Wesen. Heute reden sie mit. Mehr noch: Sie produzieren mit.

Sie meinen, diese Stars sind mehr Geschäftsleute?

Bronfen: Ja, genau. Und in ihrem Geschäft wird alles genau kalkuliert und nichts dem Zufall überlassen. Das macht sie gewöhnlicher.

Ausserdem werden Stars heute pausenlos belauert. Und sie sind permanent präsent.

Bronfen: Mir erzählen Leute, die lange im Geschäft waren, dass man in den Sechzigerjahren in Venedig die Stars noch in den Cafés treffen konnte. Es hat zwar auch damals schon Paparazzi gegeben, aber nicht in dieser Zahl.

Warum ist das so? Ist der Star wichtiger geworden für die Menschen?

Bronfen: Nein, eher im Gegenteil. Denn heute will ja fast jeder selber ein Star sein. Was sich verändert hat, das sind die Medienmechanismen, es ist das Tempo. So sind die Stars viel präsenter – aber auf der andern Seite weniger wichtig.

Letzte Frage: Wo hat Hollywood versagt?

Bronfen: Was mir am Hollywood von heute nicht gefällt, das ist dieses Wetten auf extrem teure Produktionen, die keine interessanten Geschichten mehr erzählen. Und die auch nicht mehr Kino für Erwachsene sind. Man setzt auf das, was man technisch machen kann. Das ist eine Fehlentwicklung. Man merkt das daran, dass die ganze Kreativität ins Fernsehen abgewandert ist.

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